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Frollein Herr

Für eine erfolgreiche und langfristige Karriere im Blogger-Influencer-Business braucht es nicht nur Kreativität, Selbstdisziplin und die Bereitschaft gewisse Bereiche seines Privatlebens offen zu legen – es braucht vor allem eines: Resilienz. Nicht nur gegen Hater-Kommentare oder Kritik, sondern auch gegen die allgegenwärtigen Selbstzweifel, das Vergleichen mit anderen, die Abhängigkeit vom Algorithmus oder dagegen, sich nicht jede Zahl (von Reichweite, über Likes, bis Follower) zu Herzen zu nehmen. Und soll ich euch was sagen? Wenn es darum geht, bin ich eine ziemlich schlechte Influencerin.

Ich bin nicht resilient. Ganz im Gegenteil: Ich bin ein Schwamm. Ich sauge Stimmungen um mich herum auf, nehme kleinste Veränderungen wahr und kaue gedanklich auf ihnen herum. Ich vergleiche mich mit anderen – aber nicht, weil ich per se mit mir selbst nicht zufrieden bin, sondern weil ich diese Reflexion, diese Orientierung brauche, um mich zu verorten und einfach weil ich meine Sache gut machen will. So war ich schon immer. Ich bin kein Tausendsassa, der alles mögliche ausprobiert oder auf 100 Pferde gleichzeitig setzt. Ich mache eine Sache – und die mache ich dann richtig. Deshalb gehört es für mich auch irgendwie dazu, mein Umfeld zu betrachten, auf dem Laufenden zu bleiben und mich immer wieder zu fragen: „Bin ich noch auf dem richtigen Weg?“. Die letzten drei Jahre habe ich diese Frage voller Überzeugung mit „Ja!“ beantworten können. Derzeit bin ich mir da leider nicht mehr ganz so sicher – und dafür gibt es viele Gründe.

Denn auch wenn ich tief im Inneren weiß, dass mein Wert, der Wert meiner Arbeit oder meine Integrität sich sicherlich nicht in Zahlen bemessen lässt, fühlt es sich doch jeden Tag aufs Neue genauso an. Schließlich ist es mein täglich Brot, dass andere Menschen mich und meine Arbeit in irgendeiner Form bewerten. Wie viele Leute sehen dein Bild? Wie viele liken es? Wie sind die story views oder deine monatliche Reichweite? Alles, was ich sehe sind Zahlen. Und ja, auch wenn ich bei den meisten meiner Kooperationspartner nicht alleine an Kennzahlen gemessen werde, spielen sie dennoch eine ausschlaggebende Rolle für meinen Job. Denn Zahlen sind dazu da, miteinander verglichen zu werden. Und dass das Vergleichen mit anderen unglücklich macht, das wissen wir alle.

Der derzeitige Auslöser für meine Zweifel: Ich habe seit Wochen mal wieder mit dem viel diskutierten Instagram-Algorithmus zu kämpfen.

Und das trifft mich derzeit gefühlt doppelt so hart, nachdem das Coronajahr bei mir für einen nie da gewesenen Aufschwung gesorgt hatte, ich meine Followerzahl in einem Jahr mal eben verdoppelt habe und auch sonst keinerlei Grund zur Beschwerde hatte. Aber dann droppte alles von heute auf morgen in den Keller. Und hier fängt das Dilemma an: Ich als Schwamm lasse mich von Misserfolgen, schlechter Performance oder dem Vergleich mit anderen runterziehen. Ich kann diese Einflüsse, Beobachtungen und Misserfolge einfach nicht abschütteln. Das Ergebnis: Ich schaffe es nicht freudestrahlend in die Kamera zu sprechen, euch zu erzählen wie toll und leicht das Leben doch ist oder lustige Tik-Tok-artige Reels zu drehen, in denen ich auf einen Beat, den ich eigentlich blöd finde, durch die Wohnung hüpfe. Aber genau das ist es, was Instagram will. Droppt deine Performance, bedeutet das in erster Linie: Bitte neu ausrichten!

Das Influencer-Game bleibt niemals stehen, du findest nicht den einen Weg, der für dich funktioniert und machst das dann einfach jahrelang so weiter. Nein – egal was gerade released wird oder trendet: Du solltest es machen! Von IGTV, über die Musikfunktion – vom Reel bis zum Live: Wenn Instagram es dir anbietet, solltest du es nutzen. Denn wehrst du dich zu lange dagegen, sinkt deine Reichweite früher oder später. Und ja, das war auch der Grund, dass ich mich nun doch an das Thema Reels getraut habe und ja, es macht schon auch ziemlich viel Spaß. Trotzdem: Kreativität aus Druck entstehen zu lassen, ist nicht unbedingt die leichteste Sache der Welt. Und jedes dieser Tools mit einer gewissen Qualität und in gewisser Häufigkeit zu bespielen, wird mit jedem neuen Release unübersichtlicher.

Ich mache das jetzt eigentlich schon lange genug um zu wissen, dass es nach so einer Talfahrt auch immer wieder nach oben geht, aber während du im Sinkflug bist, kommen dir Gedanken, die sich eben nicht einfach so verdrängen lassen: Mache ich etwas falsch? Was ist anders als in den Wochen zuvor? Sollte ich mehr Stories drehen? Mehr reden? Mehr Videocontent produzieren? Die Crux an dieser Branche ist: Je mehr du machst, desto besser. Ja, Qualität spielt natürlich auch eine Rolle, aber je mehr Content du produzierst und raushaust, desto mehr Leute erreichst du, desto größer die Chance zu wachsen, desto eher spielt Instagram dich aus. Aber abgesehen von politischen Themen und Accounts, die (berechtigterweise) auf soziale Missstände aufmerksam machen, ist Instagram doch ein Ort der Leichtigkeit, der Schönheit, des Vergessens. Wir alle scrollen und tippen uns durch Stories und Feeds, um den Alltag zu vergessen, um uns abzulenken, um nicht zu denken. Bist du beruflich Teil dieser Gute-Laune-Blase, hast aber eigentlich keine so gute Laune, zweifelst an dir und dem was du machst oder hast nach über einem Jahr Corona einfach keine guten Ideen mehr, wird es schwer zu bestehen. So schwer es auch ist, sich das einzugestehen: Niemand möchte einer nörgelnden Influencerin zuhören.

Ab und an ein bisschen real sein: Okay. Betonen, dass nicht alles immer Gold ist: Was glänzt, ja unbedingt. Hier und da zu seinen eigenen Schwächen stehen: Super! Aber über Wochen mit nem langen Gesicht zu erzählen, dass man eigentlich alles blöd findet: Nee. Das will halt keiner.

Deshalb fällt es mir derzeit doppelt schwer Content zu machen, mich kreativ oder inspiriert zu fühlen und mich jeden Tag aufs Neue zu motivieren, wiederum andere Leute zu inspirieren. Dazu kommt auch noch, dass ich vom Typ Mensch her sicherlich auch nicht so gestrickt bin, dass ich alles jederzeit teilen möchte. Ich liebe es zwar bei anderen Mäuschen zu spielen und mich berieseln zu lassen, ich selbst tue mich damit aber eher schwer. Ich fühle mich einfach nicht wohl dabei, den ganzen Tag mein Gesicht in die Kamera zu halten, aus allem (also wirklich allem) was ich tue oder sehe, eine Story zu machen und jeden noch so nichtigen Gedanken zu teilen, nur des Teilens wegen. Ganz davon abgesehen, dass ich als Bloggerin halt auch einfach den lieben langen Tag an Artikeln und der Pflege meines Blogs sitze und schlichtweg gar nicht die Zeit finde, den ganzen Tag ausgefallenen Content für Instagram zu kreieren. Und hier stecke ich in der Zwickmühle: Denn der Druck, den ich spüre, weil ich eigentlich noch dieses und jenes machen könnte/sollte, ist Gift für die Kreativität. Statt meine Zeit produktiv und bestmöglich zu nutzen, verbringe ich Stunden damit, darüber nachzudenken, wie ich sie nutzen könnte um dann doch nicht wirklich etwas zu machen. Dann wandere ich vom Office auf die Couch, zappe durchs TV und fühle mich wie die leibhaftige Unproduktivität.

Das fördert dann wiederum den Frust, baut noch mehr Druck auf und führt zu einem allgegenwärtigen Gefühl der Unzulänglichkeit.

Wie schon erwähnt: Ich bin nicht resilient! Mir geht es nicht am Arsch vorbei, wenn ein Bild nicht läuft. Dazu stehe ich ganz ehrlich. Aber nicht, weil ich denke, dass mein persönlicher Wert an der Performance meiner Posts hängt, sondern mein beruflicher! Und so ist es verdammt nochmal auch. Versteht mich nicht falsch: Es ist nicht so, dass es bei mir derzeit generell nicht läuft. Ich habe viele tolle Aufträge und Partner, bin unfassbar stolz auf meine Kollektion mit Wald Berlin und freue mich über all die Liebe meiner LeserInnen, die mich tagtäglich erreicht. Aber: Ich bin eine Zweiflerin. Ich bin hart mit mir selbst und lasse mir kaum etwas durchgehen. Wenn Dinge dann also plötzlich nicht funktionieren, wenn man Zeit und Energie in Posts oder Bilder steckt, die dann einfach nur noch einen Bruchteil deiner Follower erreichen, dann ist das schlichtweg Scheiße. Braucht auch keiner beschönigen.

Jeder von uns fühlt sich mal kacke. Jeder von uns zweifelt mal an sich. Und bei manchen von uns dauern diese Phasen dann auch mal etwas länger an.

Bist du aber selbst das Produkt, das du vermarktest, wird es schwierig. Dann heißt es nämlich: So tun als ob! Gute Miene zum bösen Spiel machen, auch noch den letzten Tropfen Kreativität aus dir selbst aussaugen und weiter machen. Einfach immer weiter machen. Denn: Eine Instagrampause in allen Ehren, aber zu lange weg vom Fenster zu sein geht einfach nicht. Denn das bedeutet weiteren Reichweitenverlust und noch mehr Arbeit, die nach der Pause auf einen zukommt. Und genau da stehe ich jetzt. Ich bin nicht unglücklich, aber ich bin auch nicht zufrieden. Ich liebe meinen Job nach wie vor, finde ihn aber auch in regelmäßigen Abständen so richtig scheiße. Ich kann nicht gut mit Druck umgehen (konnte ich noch nie) und befinde mich trotzdem in einer Branche, deren Grundlage es ist, neben Abertausenden von anderen CreatorInnen zu bestehen. Ich denke ihr versteht mein Dilemma?

Nein, ich will nicht nörgeln. Ich habe es verdammt gut mit dem, was ich tue. Das ist mir sehr wohl bewusst. Und trotzdem struggle ich. Täglich. Ich frage mich, ob ich wirklich für dieses Business gemacht bin. Ob ich meinen peak vielleicht schon erreicht habe und ob das, was ich zu sagen habe, vielleicht auch mal auserzählt ist. Und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Auf meine Story in dieser Woche, in der ich schon mal angedeutet habe, dass ich mich derzeit jobtechnisch ein bisschen schwer tue, kamen einige Antworten von KollegInnen, denen es genauso geht. Viele fühlen sich einfach leer. Uninspiriert, unkreativ, überfordert und gleichzeitig unterfordert. Und das sind so furchtbar tolle und kreative Menschen, deren Arbeit ich von Herzen schätze und bewundere. Aber auch die haben mal Tiefs, zweifeln an sich, fühlen sich klein und verletzlich, während ihre Branche gleichzeitig von ihnen verlangt, andere zu inspirieren und zu motivieren.

Diese bunte Social-Media-Welt ist ein toller Ort für Kreative. Das ist Fakt! Sie kann aber auch ein sehr toxischer Ort sein.

Für all diejenigen, die zweifeln, die es nicht lassen können nach rechts und links schauen, sich mit Veränderungen schwer tun oder eben nicht mit einem Selbstbewusstsein von der Größe Grönlands ausgestattet sind. Das ist Realität. Das ist Alltag. Deshalb ist es mir auch ein Anliegen, hier darüber zu sprechen. Zuzugeben, dass auch Misserfolge zum Business gehören, zu normalisieren, dass auch Menschen mit vielen FollowerInnen strugglen, zweifeln und verletzlich sind. Zu gestehen, dass einen dieses oder jenes unter Druck setzt und man heute vielleicht keine Zeit zum Stories filmen gefunden hat – aber nicht etwa, weil das eigene Leben so unfassbar spannend ist, sondern weil einem schlichtweg einfach nichts eingefallen ist. Statt „weil soooo viele von euch gefragt haben…“ auch mal „Nein, heute hat keiner gefragt wo mein Pulli her ist!“ zu sagen. Vielleicht hilft bereits die Erkenntnis, dass man manchmal tatsächlich nicht viel zu geben, zeigen oder sagen hat – und dass das halt auch irgendwie okay ist. Nicht für Instagram, nicht für den Algorithmus, nicht für die Reichweite – aber für die Menschen, die deinen Content konsumieren. Denn am Ende des Tages seid doch ihr es, die mir die Nachrichten schreiben, meine Texte lesen oder Bilder liken. Und wenn ich bei euch diese „Fehler“, Zweifel oder Gedanken loswerden kann, dann habe ich schon viel gewonnen.

Deshalb ist mein Schlusswort heute auch ein Danke. Ein Danke an all die, die mich trotz meiner eingeschränkten Sichtbarkeit noch sehen. Die, die wiederum ihre Gedanken mit mir teilen, mir hier und da gut zusprechen und die nicht erwarten, dass alles immer Rosa ist – selbst in meiner kleinen Pastellwelt ist das nämlich unrealistisch.

Bild im Header: @alirezanyc

Comments

  • 4. Juli 2021
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    Anni

    Ich bin keine Influencerin, kann deine Selbstzweifel und Gedanken aber sehr nachvollziehen. Ich wünsche dir viel Kraft und Nachsicht mit dir selbst! Und: Du machst einen sehr guten Job, du kannst eine Menge und ich hab aus deinem Feed schon viel an Inspiration und Information mitnehmen können ❤️

  • 4. Juli 2021
    reply
    Sarah

    Ich kann deine Selbstzweifel komplett verstehen und finde vor allem nach diesen letztem Jahr nagen solche Gedanken noch viel mehr an einem, bin aber auch überzeugt davon, dass es wieder bergauf gehen wird! Deine Texte und Bilder sind immer so inspirierend, ehrlich, authentisch – und dafür schätzen so viele Menschen deine Arbeit. Auch wenn deine Reels eventuell aus einer „Not“ produziert wurden, sind sie meiner Meinung nach einer der besten die ich auf IG gesehen habe. Traurig trotzdem, wenn der Algorithmus noch nicht wirklich mitspielt, aber ich hoffe, das ändert sich für dich bald wieder, denn die Qualität die du zeigst, bringen wenige. Bzw. hoffe ich auch, dass diese Zahlen und Statistiken eher nebensächlich werden und man wirklich wieder mehr Wert auf guten Content legt, nicht nur einen der „funktioniert“. Ganz viel Liebe <3

  • 4. Juli 2021
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    Birgit

    Auch ich kenne Selbstzweifel. Die letzten zwei Jahre waren mega hart. Ich versuche mein Büro zu „retten“, kann dich also gut verstehen. Den sozialen Kontakt die Inspiration, die von Erlebnissen mit Menschen, Städten usw. kommen wurde von Corona unfassbar eingeschränkt. Ich habe auf Instagram einiges aussortiert, das mir an Oberflächlichkeit zuwider wurde. Dein Content ist mir sehr wertvoll, weil er eben anders ist. Deine Bilder sind für mich kleine Inseln auf denen Erholung und Inspiration stattfinden. Ich wünsche dir Kraft weiterzumachen solange es für dich passt und Mut den Weg zu gehen der sich für dich richtig anfühlt. Ich bin und bleibe Fan vom Frollein. Hab einen schönen Sonntag. LG Birgit

  • 4. Juli 2021
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    I feel you sowas von 🙄. Danke für diesen Artikel!!

  • 9. Oktober 2021
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    Johanna

    Long time no see, liebe Karoline! 🙂 Ich war glaube ich seit Corona nicht mehr auf dem Blog unterwegs und auch bei Instagram Pause eingelegt. Primär weil ich als Verbraucher den Konsumhype mehr denn je hinterfrage und darum geht’s ja im Influencer-Business. Ich arbeite in der Werbung und kann deine Zweifel beziehungsweise das Hamsterrad und den Kreativitätsverlust sehr gut nachvollziehen. Hoffe, das „Down“, das du beschreibst, ist inzwischen gewichen. Bin sehr froh, dass ich über Umwege mal wieder hier gelandet bin. Ich schätze deine reflektierten Texte nämlich sehr.
    Liebe Grüße Johanna

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