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Frollein Herr

Montag, der 4. Oktober gegen 17 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Gerade will ich, wie alle paar Minuten an einem stinknormalen Tag, die App mit dem kleinen Kamera Icon öffnen, meine Nachrichten lesen, mein aktuelles Posting checken und sehen, was sich in meiner Bubble in den letzten 20 Minuten wohl so potentiell Weltbewegendes getan hat und dann – nichts. Ich klicke nochmal, aber wieder nichts. Der Feed bleibt leer, eine Aktualisierung ist nicht möglich. Ich versuche die Seite über den PC aufzurufen, sehe aber ebenfalls nur eine Fehlermeldung. Ein ungutes Gefühl breitet sich in mir aus, ich werde ein wenig nervös. In meinem Kopf beginnen sich Horrorszenarien von einem gehackten Account abzuspielen, binnen Bruchteilen von Sekunden sehe ich meine berufliche Zukunft vor mir, wie ich verzweifelt versuche meinen gehackten Account zurückzubekommen, am unerreichbaren Kundendienst von Instagram scheitere und am Ende ohne meinen Kanal da stehe. Alleine. Außen vor.

Dann aber erlange ich doch wieder Kontrolle über mein logisches Denken, erinnere mich an die Website allestörungen.de, die mich schon so einige Male vor einem minderschweren Nervenzusammenbruch gerettet hat, als ich dachte, dass mein Computer, mein Blog oder das Internet allgemein kaputt seien, nur um dann festzustellen, dass das Problem nicht bei mir, sondern beim Anbieter oder Host lag. Und siehe da: Ich bin nicht alleine.

Instagram ist tatsächlich down.

Und nicht nur Instagram. Auch Konzernmutter Facebook und -schwester Whatsapp sind in großen Teilen Europas, Asiens und Amerikas nicht erreichbar. Das sagen sie auch in den heute Nachrichten um 19 Uhr. Und spätestens in diesem Moment weicht die Panik, das verunsichernde Gefühl des Kontrollverlusts und der Angst etwas zu verpassen einem ganz anderen Gefühl – der Entspannung. Der Erleichterung. Instagram ist down. Und zwar für alle. Das bedeutet: Ich verpasse in diesem Moment kein Posting, keinen Kommentar, keine Direktnachricht. Niemand versucht mich zu erreichen und auch der Algorithmus, der ja logischerweise auch down ist, kann mich nicht im Nachhinein dafür abstrafen, dass ich ein paar Stunden mal nicht online bin. Und wisst ihr was? Der Montagabend war ziemlich herrlich. Ich habe mit meinem Freund ganz in Ruhe einen Film geschaut, Rummikub gespielt und ja, zwar ab und an mal gecheckt, ob die App wieder geht, aber bei jedem erneuten Aktualisieren, das zu nichts führte, wurde die Entspannung nur größer. Ein bisschen war das wie vor der ganzen Smartphonezeit. Als die FreundInnen noch auf dem Festnetz angerufen haben und nach 8 halt auch einfach mal Schluss war mit Kommunikation. Nett irgendwie. Zu meiner Schande muss ich allerdings gestehen, dass ich, als ich gegen 3 Uhr morgens aufwachte, um auf die Toilette zu gehen, direkt nachgesehen habe, ob Instagram wieder geht – und wie wir alle wissen, tat es das.

Die größte Überraschung aber war für mich der nächste Morgen: Mein Feed, die Stories, alles war voll mit dem gefühlten Jahrhundertereignis: Sieben Stunden ohne Instagram. Der Ton war allerdings nicht panisch oder erleichtert, sondern typisch fürs Internet eher gehässig ob der kolossalen Panne seitens Facebook. Da war aber noch mehr als Schadenfreude: Immer öfter sah ich Textzeilen und Stories, in denen einige InfluencerInnen, aber auch ganz normale KonsumentInnen erzählten, wie entspannt der letzte Abend für sie war. Es gab Umfragen und Abstimmungen und ja, die Mehrheit schien diese instagramfreien Stunden durchaus genossen zu haben. Genauso wie ich. Was aber bedeutet das? Wieso muss erst der komplette Dienst abstürzen, damit wir die Zeit außerhalb der App so richtig genießen können?

Die Antwort lautet eindeutig: Fomo!

Unser hoch digitalisiertes Leben, die ganz eigenen Regeln der sozialen Medien haben uns dermaßen dazu erzogen, konstant das Gefühl zu haben etwas zu verpassen. Irgendwo da draußen backt immer irgendwer Bananenbrot, verlost etwas oder teilt seine tiefsten persönlichen Gedanken. Und wenn du das nicht verpassen willst, solltest du so viel Zeit in der App verbringen wie nur möglich. In den paar Stunden aber, in der eben NIEMAND Bananenbrot backen konnte, (okay – vielleicht hat jemand Bananenbrot gebacken, aber da dieser jemand das nicht bei Instagram teilen konnte, ist das ja nicht wirklich passiert, oder?!) hat eben auch NIEMAND von uns irgendwas verpasst. Es gab schlichtweg nichts zu konsumieren und das hat auch unsere Sucht nach News, visueller Stimulation oder Ablenkung recht schnell begriffen und einfach mal Ruhe gegeben.

Aber spätestens am Dienstag Mittag war der Ausfall in vielen lustigen Memes aufgearbeitet und nichts weiter als eine nette Anekdote. Für mich aber irgendwie nicht. Mich hat es tatsächlich sehr nachdenklich gemacht, wie entspannt ich in diesen paar Stunden war – entspannter als in so mancher Woche Urlaub – und auch, dass es vielen anderen NutzerInnen ebenfalls so ging. Schließlich nutzen wir die App doch freiwillig, keiner zwingt uns dazu. Und doch stellte sich in ihrer Abwesenheit Erleichterung ein. Was also ist die Konsequenz? Einfach mal öfter einen digital detox einlegen? Ganz ehrlich, egal wie oft ich das schon versucht habe, der kleine Mann im Kopf (der in meinem Fall eine unbestreitbare Ähnlichkeit mit Mark Zuckerberg hat), der dir sagt, dass du gerade jede Menge potentiell Weltbewegendes verpasst und der Algorithmus deinen digital Detox im Nachgang bestrafen wird, ist leider einfach nicht tot zu kriegen. Fomo ist halt echt real! Und dieses Phänomen haben wir nicht zuletzt Instagram selbst zu verdanken. Denn: Auch wenn die sozialen Netzwerke eine so große Rolle in unserem Leben spielen und in meinem Fall sogar die Karriere sind, haben wir doch meist ein sehr ambivalentes Verhältnis zu ihnen.

Wir lieben sie, weil wir inspiriert werden, uns austauschen können und eine Stimme bekommen. Wir hassen sie, weil wir uns unaufhörlich mit anderen vergleichen, uns oft minderwertig, nicht spannend oder beliebt genug fühlen.

Im Grunde hat uns der Ausfall doch exemplarisch vor Augen geführt wie unfassbar abhängig wir alle von Diensten wie Whatsapp, Facebook oder Instagram sind. Und das war schon ein bisschen scary. Ein bisschen so wie ein globaler Stromausfall, obwohl der unsere tatsächliche Infrastruktur lahmlegen, ja potentiell sogar Menschenleben in Gefahr bringen würde und die Facebook-Panne „nur“ die digitale Kommunikation beeinträchtigt hat. Wenn das Gefühl über den Ausfall, wie bei mir aber Erleichterung war, wenn ihr nicht nur kurz mit den Schultern gezuckt habt oder es vielleicht sogar gar nicht mitbekommen habt, dann sollte euch der Vorfall hier und da vielleicht doch zum Nachdenken anregen. Klar ist doch, dass keiner von uns die Apps wirklich missen will. Was also eine längere oder gar endgültige Löschung bedeuten würde, möchte ich mir an dieser Stelle gar nicht ausmalen – aber: Diese kleine Atempause, das kurze Auftauchen aus der Routine, der Mute-Button kann ein willkommener Anlass zur Selbstreflexion sein. Was genau ist es denn, das mich immer wieder in die App zieht? Was könnte ich mir vielleicht auch auf anderem Wege geben und wieviel Social Media Konsum tut mir wirklich (und vor allem ehrlich) gut?

Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall sehr froh über diese unverhofft entspannten 7 Stunden, über das Hinterfragen meines eigenen Nutzungsverhaltens und darüber, dass ich bemerkt habe, mit meiner Hassliebe nicht alleine zu sein. Denn im Grunde liegt den sozialen Medien doch ein urmenschliches Bedürfnis zugrund: Der Wunsch danach dazu zu gehören.

Comments

  • 10. Oktober 2021
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    Svenja

    Wieder mal auf den Punkt ❤️ Danke für diesen tollen Post 😘

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