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Frollein Herr

Was würdet ihr euch denken, wenn ich euch in meiner Story plötzlich mit diesem Satz begrüßen würde: “Heyyy meine Lieben, sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, aber endlich kann ich euch den Rabattcode für Produkt XY geben, nach dem sooo viele von euch gefragt haben. Und danach folgt dann auch gleich ein NAKD-Haul!” Na? Gebt’s zu – ihr wärt (milde ausgedrückt) höchstwahrscheinlich ein klein wenig verwundert, oder?

In den inzwischen 2 1/2 Jahren, in denen ich jetzt blogge, versuche ich nämlich nicht nur das Klischee des Rabattcode-Bloggers bewusst zu umschiffen. Ich tue mich im Allgemeinen eher schwer mit den stereotypen Blogger-Moves und vermeide sehr bewusst alles, was ich in diese Schublade stecke, mit penibler Genauigkeit. Dazu gehören Home-Workouts (ok, mache ich eh nicht), Fotos meines Essens (Pizza ist hier die Ausnahme) oder das ausführliche Rekapitulieren jedes einzelnen Tages via Instastory. Das liegt zum einen daran, dass mich eben jene immer gleichen Geschichten, Bilder und Sätze als Konsumentin selbst langweilen und ich mich außerdem bei allem, was ich tue, in euch hineinzuversetzen suche und mir die Frage stelle, ob das nun einen Mehrwert bietet oder nicht – aber das ist nicht alles. Und das war mir bisher selbst gar nicht so bewusst. Erst meine Story zum Thema Rabattcodes und der anschließende intensive Austausch mit euch darüber, hat mich zum Nachdenken gebracht. Hat mich mich selbst ein bisschen hinterfragen lassen und ziemlich viel in mir los geschüttelt.

Ja, ich finde diese Ausverkauf-Nummer nervig und oft schlichtweg unseriös.

Aber ist das wirklich alles? Schließlich sind nicht alle Blogger-Klischees berechtigt oder gar negativ zu bewerten. Viele der etablierten Methoden, Storytellings oder Tools, denen sich Blogger und Influencer bedienen, sind aus gutem Grund ein Klischee geworden – einfach weil sie funktionieren. Außerdem kommt der fade Beigeschmack doch viel öfter durch die Umsetzung des jeweiligen Bloggers/Influencers und nicht unbedingt durch die Aktion an sich. Weshalb also die große Angst, diese Klischees zu bedienen? Schließlich habe ich in meinem sonstigen Leben eher wenig Probleme mit Klischees zu spielen (Ich sage nur: Rosa) und gebe eigentlich auch generell nicht allzu viel auf die Meinung anderer Leute, wenn ich selbst hinter etwas stehe. Wieso also leuchten bei mir die Alarmglocken auf, wenn es um Codes, NAKD-Hauls oder andere klischeebehaftete Blogger-Moves geht?

Ich denke, ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass ich recht spät ins Blogger-Game eingestiegen bin. In meinem vorherigen Job, als Redakteurin bei einem großen Modemagazin, wurde mir nicht nur eingeimpft, dass ich als Person nicht sonderlich wichtig bin und meine persönliche Meinung zu einem Trend oder Designer keine Bedeutung für unsere Leser hat, sondern auch gewisse Art und Weisen, wie man Mode oder Produkte vorstellt – und die fangen halt selten mit “Heyyyy, ihr Lieben…” an. Sprich: Ich bin kein Blogger-Native, der schon mit 15 seine Looks im Netz dokumentierte, war nie bei Tumblr & Co. und habe das Bloggen auch nie als Hobby betrieben. Ich bin Redakteurin einer Generation, die verstanden hat, dass das Internet nicht der Feind des etablierten Journalismus ist, sondern ein ziemlich geniales Tool, um zu kommunizieren, zu arbeiten und eben auch Geld zu verdienen.

Ich bin also nicht unbedingt auf natürliche Weise in diesen Job hineingewachsen, sondern habe mich vor ein paar Jahren ganz bewusst dafür entschieden. Das heißt auch, dass ich einige Zeit als normale Konsumentin auf Blogs und bei Instagram verbracht habe und mir in dieser Zeit eine Meinung zu diesen Kanälen bilden konnte. Als ich dann Frollein Herr startete wusste ich, was ich NICHT will. Ich wollte nicht der drölftausendste Blog oder Account sein, auf dem die immer gleichen Inhalte passieren. Nicht nur, weil ich mich damit ganz grundsätzlich nicht identifizieren kann, sondern auch, weil es aus Business-Sicht ein echt unkluger Move gewesen wäre. Schließlich gab es davon ja schon genug am Markt. Und diesem Prinzip bin ich nach besten Wissen und Gewissen treu geblieben, habe Jobs abgesagt, die mir auch nur annähernd nach Klischee rochen, Marken gemieden, weil ihr Image nicht zu meiner Art der Kommunikation passte oder jeder Brand aufs Neue erklärt, dass ich halt einfach keine Rabattcodes mache. Auch wenn so manche Kooperation dann halt nicht stattgefunden hat.

Das mag löblich klingen und ist es in gewisser Weise sicher auch. Aber es ist auch ein wenig überheblich.

Hinter meiner Angst vor Blogger-Klischees steckt zwar im Kern die tiefe Überzeugung, euch gute, durchdachte, ehrliche und liebevoll aufbereitete Inhalte zu bieten, nach und nach aber, hat sich meine Anti-Haltung vielleicht ein wenig verselbstständigt. Jetzt, nach 2 1/2 Jahren, merke ich, dass ich vielleicht ein wenig zu streng mit mir gewesen bin. Und diese Erkenntnis kommt nicht von ungefähr. Denn: Ich gebe in meinem Leben zwar sonst nicht allzu viel auf die Bewertung anderer Leute und kann mich ganz hervorragend wehren, wenn man versucht mich in Schubladen zu stecken, aber ich bin auch ein Kontrollfreak und lege mir selbst oft Regeln oder Verhaltensweisen auf, denen ich dann selbst rigoros Folge zu leisten habe. Das gibt mir zwar Sicherheit, macht mich aber oft sehr unflexibel und wenig offen für Neues. Die Angst vor Blogger-Klischees ist nämlich am Ende nichts anderes, als die Angst davor, an Glaubwürdigkeit zu verlieren. An Authentizität, an Vertrauen eurerseits. Das aber, muss ich mir jetzt eingestehen, erarbeitet man sich nicht allein durch festgelegte Regeln, sondern durch gute Inhalte, Respekt und Verlässlichkeit und vielleicht eben auch durch die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren und ehrlich zu sich selbst zu sein. Durch Menschlichkeit also.

Wie sagt man doch so schön: Angst ist kein guter Ratgeber.

Und da ist etwas dran! Denn vor lauter Angst, dieses oder jenes Blogger-Klischee zu bedienen, habe ich mir auch so manche Tür verschlossen. Immer öfter finde ich mich in Situationen wieder, in denen ich blind dem mir selbst auferlegten “Sowas mache ich nicht”-Prinzip folge, ohne dieses noch zu hinterfragen oder mit der tatsächlichen Situation abzugleichen. Wieso mache ich dieses oder jenes eigentlich nicht? Was war nochmal genau der Grund dafür? Rabattcodes sind da das allerbeste Beispiel. Schließlich gibt es da draußen SEHR viele tolle Kolleginnen, die ihre Codes bewusst und gezielt einsetzen und damit rein gar nicht an Glaubwürdigkeit verlieren. Klischee hin oder her.

Mit mir selbst bin ich da allerdings ein wenig strenger!

Dass ich hier und da mal locker lassen sollte und meine selbst gesteckten Grenzen nach und nach auch mal hinterfragen sollte, haben mir eure Meinungen und Nachrichten bestätigt. Denn ich habe euch in der ganzen Frage vielleicht sogar ein wenig unterschätzt. Eure Nachrichten haben mir ganz deutlich vor Augen geführt, dass ihr selbst am besten entscheiden könnt, welches “Klischee” ihr toleriert und welches nicht. Ihr wisst sehr genau, wie das Game hier läuft und ihr könnt sehr wohl unterscheiden, was reine Verkaufsstrategien sind und wie viele davon ihr zu akzeptieren bereit seid. Ihr wisst, dass jemand, der hauptberuflich bloggt oder influenced, auch Geld verdienen muss. Aber: Wie er das macht, ist entscheidend! Das war ein Learning, das mir sehr weitergeholfen und mir die Augen ein wenig geöffnet hat.

Im Englischen gibt es ein Sprichwort: If it looks like a duck, swims like a duck, and quacks like a duck, then it probably is a duck.” Damit will ich sagen: Ich bin halt Blogger. Ich bin halt Influencer. Ich verdiene mein Geld mit den Mitteln, die mir in dieser Branche zur Verfügung stehen. Und auch, wenn ich an mich selbst hohe Erwartungen stelle, immer mein Bestes geben möchte, um eben nicht in die Schublade “Stereotyp-Influencer” gesteckt zu werden, euch den bestmöglichen Content zu bieten und gängige Praxen dieser Branche hinterfrage, bin ich am Ende des Tages halt einfach Teil davon. Und ich bin gerne ein Teil davon. Auch wenn diese Branche in der breiten Maße, dank reißerischer Berichterstattung (z.B. zur Werbekennzeichnungsdebatte) oder Menschen wie z.B. Oliver Pocher, immer noch viel zu wenig ernst genommen wird und Bloggern oder Influencern im Allgemeinen wenig Arbeitsethik, Ehrlichkeit oder Professionalität zugesprochen wird, ist es doch gerade dann so wichtig, das Gegenteil zu beweisen. Aber nicht vom hohen Ross herunter und mit dem unausgesprochenen Ziel, bloß keine Klischees zu erfüllen, sondern von innen heraus.

Deshalb möchte ich hier und heute feierlich schwören, dass ich niemals aufhören werde, mein Bestes zu geben und euch nicht mit abgedroschenen und lieblos umgesetztem Content oder Kooperationen zu langweilen.

Aber, ich möchte mich selbst ein wenig mehr öffnen, die mir selbst auferlegten Regeln hinterfragen, vielleicht hier und da Neues probieren und meine Meinung auch ändern können. In jedem Job lernt man dazu und jeder Job hat das Potential einen zu verändern. Und statt zu den allermeisten Dingen “Nein” zu sagen, aus einer Angst heraus, dann nicht mehr glaubhaft zu wirken, ohne allerdings wirklich darüber nachzudenken, ist in meinen Augen nicht unbedingt immer der beste Weg. Vielmehr wird mir bewusst, dass ich mir hier schon eine ganz tolle und treue Community aufgebaut habe, die sehr verständnisvoll ist – wahrscheinlich sogar sehr viel verständnisvoller, als ich selbst es mit mir manchmal bin. Lange Rede, kurzer Sinn: Sich Mühe geben ist toll und wichtig und Wert darauf zu legen, keine vorgetrampelten Pfade zu gehen ebenfalls. Aber es ist ebenso erlaubt, den Weg mal anzupassen, auch mal daneben zu treten, ehrlich zu sein und im Nachhinein vielleicht schlauer zu ein.

Im Leben, wie im Job. Auf Instagram, wie in der realen Welt.

Comments

  • 16. August 2020
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    Sarah Funk

    Sehr richtig! Brava!

  • 16. August 2020
    reply
    Johanna

    Mehr chillen, weniger rechtfertigen. Du machst das gut!

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