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Frollein Herr

Ein Like hier, ein Herz-Emoji da.

Während wir in den sozialen Medien mit Bestätigungsbekundungen, Zuspruch und digitaler Liebe nur so um uns werfen, so schwer scheinen uns ehrlich gemeinte Komplimente im echten Leben zu fallen. Oder wann habt ihr eurer Freundin oder vielleicht sogar einer komplett Fremden ein ehrlich gemeintes Kompliment gemach? Für den Fall, dass ihr an dieser Stelle erstmal nachdenken müsst, ist es zu lange her. Und damit seid ihr nicht alleine.

Auch ich verteile viel zu wenig Komplimente. Dabei hege ich so viele gute und bewundernde Gedanken für die Frauen aus meinem nahen Umfeld, aber auch für digitale Bekanntschaften, die ich aus der Ferne feiere und schätze. Und wieso zur Hölle sage ich es nicht einfach? Gute Frage, nächste Frage. Ein Grund, weshalb wir viel zu selten Kommentare verteilen ist, dass wir oft denken, die Person wüsste es bereits oder bekomme es regelmäßig von anderen Menschen gesagt. Eine ziemlich fadenscheinige Begründung, denn: Wenn nun auch alle anderen so denken, könnte es sein, das eben jene Person durch die Welt läuft, ohne je zu hören, wie genial ihre Ausstrahlung ist oder wie gut sie zuhören kann. Bei Komplimenten geht es nämlich nicht alleine um äußere Faktoren. Klar, jede von uns hört doch gerne, dass sie gut aussieht, einen tollen Modegeschmack hat oder ihr die Farbe Blau wahnsinnig gut steht. Aber noch viel wertvoller sind doch ehrliche Feststellungen oder Beobachtungen über den Charakter einer Person, über das, was sie ausmacht.

Komplimente und nette Worte kosten nichts. Und trotzdem gehen die meisten von uns viel zu sparsam damit um.

Bevor wir ein Kompliment aussprechen, denken wir meist zu lange darüber nach und fragen uns, wie das, was wir sagen möchten, wohl beim anderen ankommt. Klingt das komisch? Schleimerisch? Oder gar unglaubwürdig? Ich spreche hier ganz ausdrücklich nicht von Komplimenten von Männern an Frauen, sondern über die Verteilung netter Worte unter uns Geschlechtsgenossinnen. Die Betonung liegt hier aber auf ehrlich. Denn nachdem ich vor kurzem die Netflix Hype-Serie “Selling Sunset” geguckt habe und mich bei all dem “Oh, you look so prettyyyyyy!” oder “I love you so much!”, während in der nächsten Szene ordentlich über eben jene geliebte Person abgelästert wird, hat mich der Gedanke an mehr Komplimente zunächst abgeturnt.

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Ein gutes Kompliment muss ehrlich sein. Nur dann kommt es beim anderen an. Denn beim Thema Komplimente gibt es gleich zwei Hürden: 1. Das Kompliment nicht nur zu denken, sondern auch zu machen und 2. Das Kompliment auch annehmen zu können. Während ich früher reflexartig Erklärungen gesucht habe, die das eben gemachte Kompliment relativieren oder gar aufheben, habe ich mir vor ein paar Jahren antrainiert, einfach “Danke” zu sagen. Klingt einfach, ist aber verdammt schwer. Uns Frauen ist es leider viel zu oft eingeimpft, uns selbst zu hinterfragen, uns nicht in den Mittelpunkt zu stellen und Aufmerksamkeit von uns wegzuleiten.

Was für ein kolossaler Bullshit!

Wenn euch also jemand sagt, dass ihr heute ganz hervorragend ausseht, ihr eine wunderbare Art habt mit Konflikten umzugehen oder euch die neue Frisur wahnsinnig gut steht, dann nehmt es verdammt nochmal an! Ja, es könnte gelogen sein oder übertrieben oder was auch immer. Es könnte aber auch ehrlich gemeint sein und wenn ihr es zulasst, dann kann so ein akzeptiertes Kompliment euch den Tag ganz schön nachhaltig versüßen. Und wenn ihr das erstmal könnt, dann fällt es euch auch leichter anderen Komplimente zu machen.

Ohne jetzt in doofe Klischees zu verfallen, glaube ich tatsächlich, dass es gerade uns Deutschen sehr schwer fällt, Komplimente zu machen oder anzunehmen. Klar, es muss nicht jeder so viele I love you’s säuseln, wie der durchschnittliche US-Amerikaner, aber Bewunderung lediglich zu denken, ist wie die Leibspeise der besten Freundin zu bunkern, ohne sie zu teilen. Wir geißeln uns tagtäglich, ein besseres Ich zu werden, vergleichen uns unaufhörlich und laufen viel zu vielen Idealen oder Idealbildern hinterher, die es in der Realität so gar nicht gibt. Das Leben ist doch hart genug. Deins, meins, ihres. Wenn wir also alle ab und an mal über unseren Schatten springen und unsere Bewunderung verbalisieren, Komplimente akzeptieren und es zulassen, stolz auf uns zu sein, dann könnte das Ganze tatsächlich ein wenig schöner werden.

Nicht unbedingt leichter, aber ein ganzes Stück schöner!

Comments

  • 13. September 2020
    reply
    Sarah Funk

    Hi Karo! Danke, dass du das schreibst! Ich habe mir schon vor über 2 Jahren zum Ziel gesetzt, alle schönen Dinge die ich über andere denke auch an die entsprechende Adresse zu tragen und ich liebe es. Es gibt eigentlich nichts Schöneres, als wenn sich jemand über ein ehrlich gemeintes Kompliment freut. Das mit dem Annehmen ging mir sehr lange so. Ich bin Sängerin und konnte bis vor ein paar Jahren nach keinem Konzert die liebevollen Komplimente meiner Zuhörer annehmen… Das ist so traurig, dass wir das erst lernen müssen. Beziehungsweise wieder erlernen, denn wenn ich mir meinen kleinen Sohn so anschaue, dann hat er keine Probleme Komplimente anzunehmen. 😂 herzliche Grüße und einen schönen Sonntag!

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