Zwischen Selbstzweifeln, Selbstbehauptung und Selbstüberschätzung: Der Drahtseilakt der Selbstständigkeit

Kolumne: Selbstständigkeit

„Man braucht viel Mut um sich selbstständig zu machen!“

Diesen Satz habe ich mehr als einmal gehört, als ich vor über einem Jahr meine berufliche Entscheidung verkündete. Aber irgendwie hat mir diese Aussage von Anfang an nicht so recht gepasst. Ist Mut wirklich das richtige Wort? Vielmehr braucht es doch eine felsenfeste Überzeugung der eigenen Fähigkeiten, einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst, auch dann, wenn es mal kein anderer tut und außerdem ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung, das einen anspornt über sich hinauszuwachsen, Dinge zu tun, die man noch nicht kann und sich selbst ab und an einfach für den Größten zu halten. Tja, und habe ich all diese Fähigkeiten?

Naja, sagen wir es mal so: Ich glaube, dass ich gute Arbeit leiste. Ich weiß genau was ich kann, aber auch was ich nicht kann. Ich bin kreativ, aufmerksam und emphatisch – aber auch sehr streng mit mir selbst. Selbst kleinste Fehler oder Versäumnisse beschäftigen mich lange und ich denke immer, dass es noch besser geht. Und hier wird es kritisch – Selbstvermarktung hat nämlich auch viel mit geschickter Inszenierung zu tun. Mit der Gabe, seine Schwächen als Stärken zu verkaufen und selbst Niederschläge – zumindest nach außen hin – mit einer gewissen Grazie zu nehmen.

In meinem konkreten Fall bedeutet das, auch bei Absagen und geplatzten Kooperationen noch an mich selbst und meine Arbeit zu glauben.

Das geht phasenweise wunderbar, dann aber auch mal wieder nicht. Natürlich passiert es mal, dass Kooperationen nicht stattfinden, ich budgettechnisch runtergehandelt werde oder am Ende des Geldes noch ziemlich viel Monat übrig ist (was ehrlicherweise eher an meinen Ausgaben, als an meinen Einnahmen liegt – Oops). Ab und an flattert dann auch mal ein sagenhaft freches Angebot ins Haus à la „Wir schenken dir eine Uhr im Wert von 150 € und dafür hätten wir dann gerne drei Posts und du darfst ein halbes Jahr lang keine andere Schmuckmarke featuren.“ Ehrlicherweise sind solch unprofessionelle Angebote eher die Ausnahme als die Regel und ich habe viele tolle Kooperationspartner gewinnen können, mit denen die Zusammenarbeit respektvoll und auf Augenhöhe abläuft –  aber dann und wann bleibt mir doch mal die Spucke weg.

Tja, und wenn sich diese Dann und Wanns mal häufen, ein paar Artikel hintereinander schlecht laufen und Zahlungseingänge auf sich warten lassen, melden sich die Selbstzweifel zu Wort und ich komme nicht umhin mich zu fragen, was ich hier eigentlich mache. Dann geht es von „Ich bin die Größte überhaupt“ zu „Ich bin eine absoluter Versagerin“ in nur wenigen Stunden und ich bin plötzlich der festen Überzeugung, dass ich den Laden sofort dicht machen, mich beim Arbeitsamt melden und ab sofort am Hungertuch nagen muss. Die Selbstständigkeit ist ein Drahtseilakt zwischen Selbstzweifeln, Selbstbehauptung und ein bisschen Selbstüberschätzung, bei dem ich manchmal schlicht und einfach nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

Denn woran macht man den Erfolg einer Selbstständigkeit eigentlich genau fest?

An den Nullen, die aufs Konto geflattert kommen? Am Feedback der Leser und Kunden? Oder doch an der eigenen Zufriedenheit? Diese Frage konnte ich mir selbst bisher noch nicht so recht beantworten und so bleibe ich manchmal einfach in der Luft hängen. Mit einem Herz, das voller Überzeugung schreit: „Du bist toll! Mach weiter!“ und einem Verstand, der verächtlich zischt: „Mädchen, das war ein netter Versuch, aber schau dir doch mal an, was deine Kolleginnen alles erreicht haben.“

Und genau hier liegt der Hund begraben. Schaue ich mich dann bei so mancher Kollegin auf Instagram um, sehe ich eine Kooperation nach der anderen, Pressetrips in die Sonne und Giftings, bei denen mein Herz stehen bleibt. Die Konkurrenz ist einfach wahnsinnig groß und sich da tagtäglich selbst zu ermutigen manchmal echt schwer.

„Selbstzweifel und Existenzängste sind keine guten Ratgeber“, sagt mein Papa immer und damit hat er sicherlich auch Recht – er ist allerdings bereits seit einem halben Jahrhundert selbstständig, hat alle Höhen und Tiefen schon durch und weiß wo der Hase lang läuft. Ich allerdings stehe manchmal eher da wie das berühmte Reh im Scheinwerferlicht und frage mich, ob mein Selbstbewusstsein nicht vielleicht doch eher Selbstüberschätzung ist.

An dieser Stelle meldet sich dann also entweder Herz oder Verstand zu Wort und wie das ausgeht, kann ich nie vorhersehen. Was ich sagen will, ist, dass es bei der Selbstständigkeit in meinen Augen weniger um Mut, als um die perfekte Beherrschung des Spiels von Selbstzweifeln und Selbstbehauptung geht und um das Aushalten all dieser Zustände. Niemand, der komplett für sich selbst verantwortlich ist, kann mir erzählen, dass er noch nie an sich gezweifelt hat. Andersherum ist auch noch nie jemand erfolgreich geworden, der nicht an sich selbst glaubt. Ich muss für mich einstehen, wenn es kein anderer tut, muss mich verkaufen, an mich glauben und ab und an auch mal etwas wagen.

Was ich also bisher gelernt habe, ist, beiden Stimmen Raum zu geben und ihnen gut zuzuhören. Nur mit dem Herzen lassen sich keine unternehmerischen Entscheidungen treffen und nur mit dem Verstand kommen keine kreativen Ideen in Gang. Ich übe mich also noch darin, schlechte Phasen auszuhalten und gute Phasen auszukosten. Denn genau darum geht es.

Ein Hoch ist nicht unendlich, ebenso wenig wie ein Tief und wenn man dieses Prinzip verstanden hat, lässt es sich auf dem Drahtseil um einiges leichter balancieren.