Kolumne: Nicht viel zu tun, aber viel auszuhalten!

Lange habe ich überlegt, ob es überhaupt noch angebracht ist, diese Kolumne zu schreiben. Schließlich ist das Thema psychische Gesundheit in Zeiten der Coronakrise spätestens nach dem ersten Lockdown auch medial zu Tage getreten und findet neben all den anderen, den physischen und sozialen Bedrohungen, endlich Gehör. Dennoch glaube ich, dass es zwischen „Mir gehts supi dupi und ich habe keinerlei Sorgen!“ und „Ich bin schwerst depressiv und brauche umgehend psychologische Betreuung!“ noch so einige Nuancen gibt, die vielleicht doch noch nicht die Aufmerksamkeit und Akzeptanz, sowohl von Betroffenen, als auch von der Gesellschaft, erhalten, die sie bedürfen.

Irgendwo in der Mitte zwischen Gewöhnung und Ausnahmezustand befinde auch ich mich und ich habe lange gebraucht, das wirre und diffuse Gefühl in mir ein wenig zu entzerren.

Schließlich geht es mir doch verhältnismäßig gut. Ich habe meinen Job nicht verloren, bin nicht in Kurzarbeit und habe keinen nennenswerten finanziellen Schaden davongetragen. Ich bin gesund, genauso wie alle, die ich liebe. Ich fühle mich nicht sonderlich einsam, weil ich (thank god), als sowieso nicht übermäßig gesellige Person, auch kein großes Problem damit habe sehr viel alleine zu sein. Ich liebe meine Wohnung, gehe in meinen regelmäßigen DIY’s auf und kann mich wunderbar beschäftigen. Die beruflichen Termine, die üblicherweise meinen Kalender füllen, finden nicht statt und deshalb habe ich viel mehr freie Zeit, die ich kreativ, beruflich oder privat füllen kann. Mir sollte es also gut gehen. Ich sollte dankbar sein. Stattdessen aber tue ich mich schwer. Habe Probleme aus dem Bett zu kommen, Motivation zu finden, Ideen für neue Artikel zu entwickeln, würde am liebsten den ganzen Tag auf der Couch liegen (was ich viel zu oft auch tue) und fühle mich deshalb faul und unproduktiv.

Dieses erbarmungslose Motivationstief, die Ängste, die hier und da unvorbereitet an die Oberfläche treten und das Gefühl der völligen Überforderung habe ich die letzten Monate meist als unberechtigt, temporär und übertrieben abgetan. Bis ich diesen einen Satz beim Scrollen durch Instagram gelesen habe:

Ein einfacher Post. Ein einfacher Satz. Aber plötzlich hat es bei mir Klick gemacht!

Faktisch bin ich nicht überfordert. Ich habe keinerlei berufliche oder private Termine mehr, kann meinen Tag komplett frei gestalten und so nutzen, wie es mir gefällt. Ich bin selbstständig, mir sitzt also auch kein nerviger Chef im Nacken, ich bin von niemandem abhängig. Ich bin nicht krank, ich bin nicht existentiell bedroht, mir geht es gut. Und dennoch geht es mir nicht gut. Und das liegt schlicht und einfach daran, dass es derzeit psychisch und emotional so unfassbar viel auszuhalten gibt. Und damit meine ich nicht nur Corona. Die US-Wahlen, die Black Lives Matter Bewegung, rassistisch motivierte Anschläge, die Querdenken-Demos, Reichsbürger, Telegramgruppen, Alternative Medien, die Spaltung der Gesellschaft, der immer harscher werdende Ton. Corona fördert so viel zu Tage. So viel Ungerechtigkeit, so viele Missstände, so viel Unverständnis, so viele Meinungen und Bedürfnisse, denen es gerecht zu werden gilt. Und damit geht jeder von uns anders um.

Und da ich prinzipiell wie ein Schwamm durch die Welt laufe, Emotionen und Stimmungen von rechts und links aufsauge, sie mit nach Hause nehme und dann gedanklich darauf herumkaue, fühle ich mich derzeit überfordert. Heillos überfordert – obwohl mein Terminkalender niemals leerer war als jetzt. Ich wache schon gestresst auf, höre manchmal vor lauter Stress schon mittags wieder auf zu Arbeiten, weil einfach nichts Gutes aus mir herauskommen will. Ich mache kaum noch Instagram-Stories, weil ich einfach nicht weiß, was ich erzählen soll. Es passiert nichts. Zumindest nichts Faktisches. Ich stehe auf, arbeite, gehe ins Bett. In mir drin allerdings passiert viel – aber das muss und will ich nicht tagtäglich via Instagram mit der Welt teilen.

Wer will sich angesichts des vielen Leids in der Welt schon unaufhörlich über die eigenen Gefühle beschweren?

Aushalten – das ist für mich hier das ausschlaggebende Wort. Es muss nicht unbedingt immer eine aktive Handlung sein, die einen belastet, ängstigt oder motiviert. Auch eine gewisse Passivität kann belasten. Ich kämpfe nicht an vorderster Front. Bin nicht im Gesundheitswesen oder der Politik tätig, habe keine Kinder zu erziehen oder zuhause zu unterrichten, habe kein geschlossenes Restaurant und keine unbezahlten Rechnungen. Was ich damit sagen will: Ich weiß sehr wohl, dass es mir im Vergleich zu anderen Schicksalen sehr sehr gut geht. Und dennoch machen die derzeitigen Umstände etwas mit mir und sicherlich auch mit euch.

Während im März der Ausnahmezustand die Welt gefühlt still stehen ließ, haben wir uns inzwischen alle an Masken, Abstand, Home Office und die täglichen Infektionszahlen gewöhnt. Wir machen weiter – und das ist auch völlig richtig so. Aber die neue Normalität, von der andauernd gesprochen wird, birgt auch ganz neue Herausforderungen. Während sich Abläufe und Strategien schnell umstellen lassen, hinkt die Psyche hier und da hinterher. Ja, auch meine. Und auch wenn ich sie viel zu oft nicht ernst genug nehme und mit mir selbst streng bin, produktiv sein möchte, mich zusammen reißen will, bahnt sie sich doch immer wieder ihren Weg an die Oberfläche. Und das ist auch gut so. Ich habe zwar noch keinen blassen Schimmer, wie genau ich mit dieser Erkenntnis jetzt umgehe oder was genau ich jetzt ändern oder besser machen möchte. Aber alleine dieser Satz hat mir geholfen. Ich kann das, was ich fühle, jetzt ein wenig besser definieren, greifen und verstehen. Ich bin, wenn man so sagen will, ein wenig gnädiger mit mir.

Obwohl ich mich tagtäglich den anstehenden Aufgaben stelle, meine Artikel schreibe, meine Bilder mache, Emails beantworte und Kooperationen plane, fällt es mir schwerer als sonst. Und das ist in Ordnung. Schließlich gilt es neben all den Herausforderungen des Alltags auch noch mit einer Pandemie fertig zu werden. Mit einer gesellschaftlichen Herausforderung sondersgleichen, mit sozialen Fragen, mit privaten Schicksalen. Wenn ich also all diese Punkte statt der üblichen Pressetermine in meinen Kalender eintrage, ist er gar nicht mehr so leer. Und ich fühle mich nicht mehr ganz so unproduktiv.

2020 ist und bleibt ein Ausnahmejahr – und jeder von uns geht damit anders um. Und jeder von uns hat viel auszuhalten. Ich denke, das ist wichtig zu sagen und auch zu verinnerlichen.