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Frollein Herr

Ich weiß ja nicht wie es euch geht – aber in meiner Insta-Bubble scheint es seit Beginn der Pandemie, neben der Pandemie natürlich, ein weiteres bestimmendes Thema zu geben: Nämlich Hochzeit, Verlobung und Kinder kriegen. Gefühlt jeden Tag zeigt irgendwer seinen Baby-Bump, das anschließende Baby, eine Hochzeit (natürlich unter Coronabedingungen) oder den Verlobungsring via Post oder Story. Versteht mich bitte nicht falsch, ich freue mich für jede einzelne, spüre keinerlei Neid oder Missgunst und manche dieser erwähnten Personen sind auch nicht nur Teil meiner Insta-Bubble, sondern Menschen, die mir auch privat am Herzen liegen. Deswegen ganz laut: No hate at all! Ich komme dennoch nicht umhin mich zu wundern, wie wahnsinnig unterschiedlich sich dieses Coronajahr offenbar auf Paarbeziehungen auszuwirken scheint.

Denn während mir von meinem Display tagtäglich glückliche kleine Familien entgegenstrahlen, schlagen mein Freund und ich uns gerne mal die Köpfe ein.

Gut, das ist vielleicht ein wenig übertrieben. Es ist jetzt nicht so, dass wir knietief in einer Beziehungskrise stecken würden (sonst würde ich diesen Artikel vermutlich auch gar nicht schreiben), aber ja – Corona und das vergangene Jahr waren und sind eine echte Belastungsprobe für unsere Beziehung. Diese globale Krise spiegelt sich doch in allem wieder: Finanzen, Beruf, Familie, Freundschaften – kaum ein Bereich, der von Corona und seinen Herausforderungen verschont geblieben ist. Da ist es doch irgendwie nur logisch, dass sich diese Ausnahmesituation auch auf die eigene Beziehung auswirkt, oder? Komischerweise sehe ich diesen Aspekt aber medial und besonders social medial sehr wenig thematisiert. Wie gesagt: In meinem Feed gibt es momentan nur Babies, Hochzeiten und privates Corona-Glück.

Deswegen dachte ich eine ganze Zeit lang, dass mein Freund und ich so ziemlich die einzigen sind, die sich unter Krisenbedingungen nicht als unerschütterliches Team entpuppt haben, das angesichts einer lebensbedrohenden Krise sofort auf Nachwuchs und ewigen Treueschwur setzt, sondern sich stattdessen vermehrt an den alltäglichen Problemen und Streitpunkten aufhängt. Erst jetzt, nach einem Jahr und vielen Gesprächen im privaten Umfeld, ist mir klar geworden, dass auch das völlig normal ist. Corona ist eine Belastung für jede/n einzelnen von uns und in einer Beziehung stecken nun mal gleich zwei einzelne Menschen. Also kann sich die Belastung gleich mal potenzieren.

Das fängt beim ständigen Aufeinanderhocken an und hört beim individuellen Umgang mit Krise, Maßnahmen und Co. auf.

Die Nerven liegen immer öfter blank, beide sind im Home Office verschanzt, keiner erlebt mehr etwas für sich oder gemeinsam, kommt mit neuen Geschichten nach Hause und die Date-Night ist schon lange kein Anlass mehr sich die Haare zu waschen. Egal wie groß die Liebe auch ist, irgendwie geht doch jeder von uns alleine mit der Situation um. Hält Gefühle und Ängste aus, macht sich seine Gedanken, konsumiert viel oder wenig Medien und positioniert sich dazu. Auch als Paar sind wir doch immer noch zwei unterschiedliche Menschen und als solche erleben wir diese Situation auch.

Mein Freund und ich, er Kopf-, ich Bauchmensch, sind das beste Beispiel dafür. Während er zu Beginn der Pandemie im letzten Jahr logisch und rational vorging, seine Finanzen überblickte und Notfallpläne für den Fall der Fälle schmiedete, habe ich mich von meinem Bauchgefühl leiten lassen und erstmal mein Arbeitszimmer neu eingerichtet. Mein Bedürfnis: Ich brauche Sicherheit. Sein Bedürfnis: Ich brauche Sicherheit. Unsere Interpretationen ein und des selben Bedürfnisses aber waren grundverschieden. Verständnis für die intuitive Reaktion des anderen? Leider viel zu oft Fehlanzeige. Worauf ich hinaus will: Die Coronakrise zeigt Unterschiede und Reibungspunkte wie unter einem Brennglas auf. Alles wird größer, schlimmer, allumfassender. Und da es in jeder Paarbeziehung Reibungspunkte gibt, können auch diese deutlich größer erscheinen.

Hinzu kommen noch ganz persönliche Ängste und Sorgen, die jeden für sich umtreiben, es fehlen regelmäßige Gespräche mit Freunden und Vertrauten, die einem helfen so manche Situation einzuordnen und abseits des Partners zu thematisieren und schon hat man alle Zutaten für den großen Knall. Im Fall von meinem Freund und mir haben sich bereits bestehende Streitpunkte durch das viele Zusammensein, den wenigen Austausch mit anderen und den anhaltenden Druck, einfach immer und immer wieder neu entfacht. Die Zündschnuren sind kurz, die Emotionen kochen hoch und schon folgt ein Streit auf den anderen. Was da helfen kann? Abstand, Ablenkung, ein wenig Zeit für sich. Aber: Pustekuchen.

Im Lockdown mal eben so zur Freundin fahren, dem liebsten Hobby nachgehen oder einen Urlaub buchen? Leider nicht erlaubt!

Und selbst in der harmonischsten Beziehung werden die Gespräche am Abendbrottisch doch früher oder später mal zäh, wenn keiner von beiden irgendjemanden sieht, nichts erlebt, keine Neuigkeiten mit nach Hause bringt oder anderweitig stimuliert wird. Der ganze Alltag wird ein absurd zähes Kaugummikauen und während jeder seine Kraft und Gedanken dafür aufbringen muss, den eigenen Alltag zu meistern, bleibt die Harmonie oder Verständnis für den anderen halt auch mal auf der Strecke. Auch in einer Beziehung kann man nur geben, wenn man etwas zu geben hat und Corona nimmt und nimmt und nimmt. Manchmal eben so viel, dass nicht mehr viel zum Geben übrig bleibt.

Klar, auch ich hätte mir gewünscht, dass mein Freund und ich uns über ein Jahr hinweg gegenseitig unendlich viel Unterstützung zu Teil werden lassen können. Aber: Wir waren auch vor Corona schon die Menschen, die wir eben sind. Sehr unterschiedlich, sehr empfindlich und sehr offen miteinander. Da erscheint es doch rückblickend irgendwie nur logisch, dass das Brennglas Corona diese Punkte noch stärker hervortreten lässt. Aber sind wir damit alleine? I doubt it! Klar, ich kenne auch einige Corona-Trennungsgeschichten und so eine Krise bringt eben Hochzeiten, aber auch Scheidungen hervor. Aber ich persönlich würde mir wünschen, dass viel offener auch über das Dazwischen gesprochen wird. Die Alltagsprobleme, auch für Paare ohne Kinder, die zwar an sich in einer sehr privilegierten Position sind, aber sich dennoch mit einer ganz neuen Herausforderung als Paar konfrontiert sehen.

Was ich sagen will: Falls auch ihr euch wundert, wieso eure Beziehung seit einem Jahr hier und da leidet, ihr manchmal nicht wisst, über was ihr mit eurem Partner reden sollt oder einfach manchmal keine Kraft findet, euch bestimmten Beziehungskonflikten zu stellen, weil ihr mit aller Kraft versucht einfach nur den Tag zu überstehen: Ihr seid nicht alleine. Es ist wunderbar, wenn diese Krise manche Paare noch stärker zusammen zu schweißen scheint und yay für alle, die sich gerade jetzt ewig binden wollen. Aber: Eure und meine Beziehung ist nicht grundlegend falsch oder weniger stark, nur weil sie, wie jeder Aspekt unseres Lebens, unter der Krise leidet. Wir sind am Ende des Tages doch alle nur Menschen, ob Single, verheiratet oder in einer Paarbeziehung, und versuchen diese nie vorher da gewesene Situation so gut es geht zu meistern. Man ist nicht nur Paar, sondern auch Quarantäne-Buddy, Kontaktperson, Psychologe, beste Freundin oder bester Freund, Familie und alles andere, was sonst so durch die Kontaktbeschränkungen wegfällt, in einem. Das ist ganz schön viel, wenn ihr mich fragt. Seid also gnädig mit euch, mit eurem Partner und mit eurer Beziehung.

Es gibt keine Blaupause dafür, wie man als Paar in einer solchen Ausnahmesituation zu sein hat – auch wenn Instagram manchmal genau diesen Anschein macht..

Bild im Header: @adieucliche.studio

Comments

  • 21. März 2021
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    Tina

    Sehr sehr schön geschrieben und auf den Punkt gebracht. Seid gnädig mit euch 👊🏽🤍

  • 21. März 2021
    reply
    Stefanie

    Danke für diesen Text! Spricht mir so aus der Seele.
    Auf Instagram ist alles immer heiter mit Sonnenschein. Alles erscheint so einfach und harmonisch. Da denkt man sich schnell: He? Ist etwas falsch mit mir? Mit unserer Beziehung? Sind wir nicht die richtigen für einander?
    Mein Freund und ich sind seit über 8 Jahren ein Paar, aber das letzte Jahr hat uns oft an unsere Grenzen gebracht. Beide im Homeoffice, zusätzlich beide am abschließen des Masterstudiums neben der Arbeit. Kein Urlaub, keine Abwechslung, wenige soziale Kontakte (oft nur virtuell…). Aber wir geben nicht auf und versuchen uns zusammenzuraufen.

  • 22. März 2021
    reply
    Lene

    Wie gut, dass sich endlich jemand zum Thema positioniert 🙏
    Als ob es in einer Langzeitbeziehung ohne Ring und Kind nicht eh schon genug „und, wann ist’s bei euch soweit?“ gibt, scheinen die Lockdowns nicht nur auf Instagram, sondern auch im real life für vermehrte „life Events“ gesorgt zu haben. Ich hoffe deshalb einfach dass es, wie du schon geschrieben hast, nur der „Veröffentlichungs-Bias“ ist, also nur die positiven Ergebnisse verkündet werden. Und alle negativen Erfahrungen bleiben im Verborgenen. Dabei ist doch die Offenheit darüber so wichtig und stärkt die Resilienz – damit man wirklich nicht doch noch missgünstig wird, wenn der nächste Spross auf die Welt kommt. Danke für deine Offenheit dazu!

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