JOMO forever: Endlich ist Introvertiertheit Trend!

Jomo

Finally – Introvertiertheit ist Trend!

Natürlich dürft Ihr meine Headline als Sarkasmus verstehen. Selbstverständlich braucht niemand die Bestätigung oder Rechtfertigung der eigenen Bedürfnisse, aber: Die New York Times hat Jomo (joy of missing out) als sozialen Folgetrend für Fomo (fear of missing out) erkoren – und das passt mir persönlich ganz gut in den Kram, denn:

Ich mag Menschen, aber ich mag mich mehr!

 

What? Hat sie das jetzt echt gesagt? Ja, hat sie! Ich habe mein extrem ausgeprägtes Bedürfnis nach Ruhe und Zeit für mich lange als unsozial, komisch oder falsch empfunden. Wenn ich die Wahl zwischen einer hippen Party und Pizza auf der Couch habe, werde ich immer (und ich meine wirklich immer) die Ruhe und Einsamkeit meiner eigenen vier Wände vorziehen. Wenn ich gefragt werde, ob ich Bock auf einen Partyabend bei Person XY habe, lasse ich mir eigentlich selten Ausreden, wie „ich bin krank“ oder „ich habe schon was anderes vor“ einfallen, sondern sage schlicht und einfach die Wahrheit: „Ich habe keine Lust!“ Das stößt hier und da natürlich auf Unverständnis, aber alles in allem haben meine Freunde inzwischen akzeptiert, dass ich eben eher für den Nachmittagsplausch zu haben bin, als für die Partynacht. Und trotzdem habe ich mich lange gefragt, was da bei mir eigentlich falsch läuft.

Sollte es nicht normal sein, dass man Lust hat, mit seinen Freunden um die Häuser zu ziehen, Abenteuer zu erleben und in Gesellschaft zu sein?

Introverting
Photo by Elena Koycheva on Unsplash

Jahrelang habe ich also an meinen eigenen needs gezweifelt, mich viel zu oft unter Leute gequält, obwohl ich eigentlich lieber zuhause geblieben wäre. Und dann hat mir eine sehr schlaue Frau die Begriffe introvertiert und extrovertiert erklärt hat und plötzlich hat alles Sinn gemacht. Bis dahin dachte ich nämlich, dass introvertierte Menschen auch automatisch schüchtern, ruhig und zurückhaltend sind. Das bin ich definitiv nicht und deshalb konnte mich mit dieser Definition auch nie identifizieren.

Der springende Punkt ist dabei allerdings, dass introvertierte Menschen ihre Energie aus dem Inneren, dem eigenen Seelenleben ziehen und extrovertierte Menschen aus dem Umgang mit anderen. Sprich: Introvertierte Menschen brauchen einfach mehr Zeit für sich, um Kraft zu tanken, die sie dann im Umgang mit anderen wieder brauchen, während Extrovertierte ihre Akkus in Gesellschaft anderer aufladen.

BÄM! Das war vielleicht eine Erleuchtung für mich!

Die sogenannte Angst etwas zu verpassen, kenne ich nämlich lediglich aus meiner Teeniezeit, in der ich Teil einer Clique war, die ständig zusammenhing. War man mal nicht mit von der Partie, war man schnell raus. Als ich das Abi und die Schulzeit allerdings hinter mir hatte, habe ich die Angst nie wieder gespürt. Ganz im Gegenteil – bis heute finde ich es ganz wunderbar, Abende oder ganze Wochenenden auf der Couch zu verbringen, nicht vor die Tür zu gehen und mit keiner Menschenseele zu sprechen.

jomo

Nicht selten stehe ich auf Events und Veranstaltungen und gehe in meinem Kopf das Fernsehprogramm durch, dass ich verpasse, während ich mit einem Champagnerglas in der Hand Smalltalk mache.

Ich bin definitiv niemand, der nicht weiß wann Schluss ist. Kennt Ihr diese Menschen, die selbst nach dem Verlassen oder Ende einer Party Immer noch weiter wollen? Die irgendwie keinen Grund darin sehen nach Hause zu gehen? Die sind das exakte Gegenteil von mir. Wenn ich dann mal aus bin, reicht es mir auch wieder schnell und ich bin alles andere als traurig, einen gelungenen Abend zu beenden.

Nichts da draußen könnte so spannend sein, dass ich auf eine gute Mütze Schlaf verzichten würde.

Versteht mich nicht falsch – ich genieße die Gegenwart anderer Menschen schon, aber eben in Maßen. Ich liebe meine Freunde, gute Gespräche und ein bisschen Aufregung. Die muss für mich allerdings immer zeitlich begrenzt sein. Denn eigentlich sehne ich mich konstant nach Ruhe, Zeit für mich und Langeweile. Das war schon als Kind so. Aus Langeweile wird Kreativität geboren und sich einfach mal mit sich selbst zu beschäftigen, hat etwas sehr Heilsames. Bin ich ständig von Leuten umgeben, muss mich einbringen, Gespräche führen und aufmerksam sein, schwinden meine Kräfte und ich fühle mich schnell leer. Deshalb bin ich nach Pressereisen zum Beispiel auch immer komplett alle – nicht etwa, weil ich meine Kolleginnen nicht mag oder der Terminplan so voll ist, sondern weil mich das 24/7 social sein einfach anstrengt.

War ich lange mit anderen (insbesondere fremden) Leuten zusammen, habe ich danach ein größeres Bedürfnis nach Ruhe. Hatte ich allerdings ein ganz entspanntes Wochenende, alleine oder mit meinem Freund, sind meine Akkus wieder aufgeladen und ich freue mich auf die Gesellschaft anderer.

Es geht um Balance, um ein Bewusstsein für sich selbst und darum, die eigenen Bedürfnisse nicht nur zu erkennen, sondern ihnen auch nachzugehen.

Jomo
Grafik by Kerstin Rothkopf

Ich lebe in einer Großstadt (München), komme sogar aus einer noch größeren Stadt (Berlin) und bin mir völlig klar darüber, dass um mich herum ständig irgendwas passiert. Parties, Events, der neuste Shit, den man unbedingt gemacht haben muss – und trotzdem weiß ich ganz genau, dass es nichts Schöneres gibt, als mich mit meiner Decke auf der Couch einzumummeln und einen Film zu schauen, mir die Nägel zu machen oder zu lesen.

Das ist für mich der Inbegriff von Jomo.

Kein Trend, kein soziales Phänomen, sondern die Fähigkeit trotz aller Optionen und Eindrücke, die tagtäglich in unserer digitalisierten Welt auf uns einströmen, auch mal gut sein zu lassen und nach innen zu schauen. Ich denke, wenn ich nicht ein komplett überzeugter Jomoist (?!) wäre, könnte ich meinen Job auch gar nicht machen. Würde ich ständig befürchten etwas zu verpassen und mich von Party zu Party schleifen, obwohl mir eher nach Ruhe ist, wäre ich wohl nicht lange Blogger, sondern früher oder später ausgebrannt.

Deshalb bin ich kein Trend-Jomoist, sondern einfach jemand, der wohl in die Kategorie introvertiert fällt. Auch wenn ich Menschen liebe, liebe ich mich und meine Me-Time einfach ein ganzes Stück mehr.