Beziehungsrealität: Vom Alleine sein können und Alleine sein wollen

Bevor ich meinen Freund kennengelernt habe, war ich circa 6 Jahre Single.

Mal mehr, mal weniger glücklich, aber immer völlig fine mit dem Alleine sein. Alleine sein heißt ja nicht automatisch einsam und so habe ich es mir mit mir selbst stets sehr gemütlich gemacht. Ich bin alleine ins Café, habe tagelang Serien gesuchtet und konnte auch ohne Probleme von Freitag Abend bis Montag Morgen die Zeit nur mit mir alleine verbringen. No Problemo. Jetzt, nach 2 1/2 Jahren Beziehung, sind mein Freund und ich das erste Mal länger als ein paar Tage getrennt und ich stelle fest: Das Alleine sein ist gar nicht mehr so einfach.

Wie zur Hölle habe ich das all die Jahre gemacht?

Es ist doch so: Es gibt einen Unterschied zwischen Alleine sein können und Alleine sein wollen. Ich kann immer noch gut alleine sein. Ich weiß mich zu beschäftigen, führe dann und wann ein paar Selbstgespräche (sorry not sorry) und als Selbstständige im Home Office finde ich eh genug zu tun. Aber: Der springende Punkt ist doch, dass ich gar nicht mehr alleine sein will. Und das musste ich in den letzten Wochen erstmal lernen.

Als mir mein Freund nämlich offenbarte, dass er für 12 Tage nach Mexiko fliegen möchte und bei mir einfach kein Urlaub mehr drin war, war klar: Er fliegt alleine. Auch wenn mir das im ersten Moment so gar nicht schmeckte, würde ich den Teufel tun und ihm das verbieten. Trotzdem merkte ich schon einige Tage vor seiner Abreise, dass mich die Aussicht auf 12 Tage Singleleben so gar nicht erfreute. Und für dieses Gefühl habe ich mich anfangs echt geschämt.

Ist es nicht schließlich komplett unselbstständig, abhängig und umfeministisch so zu fühlen?

Nein! Ganz und gar nicht. Das war zumindest meine Erkenntnis nach ein paar Tagen. Auch wenn ich die Angst vor der Einsamkeit als kleinen Verrat an meinem independent Single-Ich erlebte, ist es doch glasklar, dass die Gewohnheit hier zum tragen kommt. In den vielen Jahren als eingefleischter Single habe ich mich an meinen Alltag und meine Routinen gewöhnt, es mir gemütlich gemacht und mich mit dem Zustand arrangiert. Jetzt, in der Partnerschaft, habe ich das genauso gemacht. Und zwar nicht, weil ich einen Mann oder irgendwen brauche, damit mein Leben einen Sinn ergibt, sondern weil ich mir ein neues Leben mit neuen Routinen und Gewohnheiten aufgebaut habe. Und das war gar nicht mal so einfach.

Am Anfang unserer Beziehung muss es für meinen Freund nämlich gewesen sein, als würde er eine Blinde führen – so unbeholfen war ich in Sachen Partnerschaft. Nach sechs Jahren alleine, mit nichts und niemandem, auf den man hätte Rücksicht nehmen müssen, fiel mir die Umgewöhnung verdammt schwer. Wochenenden gemeinsam planen, Urlaube und den Alltag – all das musste ich erst lernen. Ich musste auch erstmal verstehen, dass es ok ist, sich auf jemanden zu verlassen oder Hilfe zu akzeptieren. Denn als Single habe ich schließlich alles selbst gemacht. Steckdosen reparieren, den Haushalt machen, mit den Unwägbarkeiten des Alltags klarkommen – all das habe ich wunderbar alleine gemeistert. Das hat mich stark und selbstständig fühlen lassen. Und als dann da wer kam, der an meinem Leben teilhaben wollte, habe ich erstmal ein paar Mauern aufgestellt, die es zu überwinden galt.

Man gibt ja schließlich nicht jedem Platz in seinem Leben, oder?

Aber mit der Zeit und sehr viel Geduld von Seiten meines Freundes, habe ich Platz gemacht, mich auf eine Partnerschaft und das gemeinsame Leben eingelassen. Trotzdem war da immer eine Stimme in meinem Kopf die dann und wann aus voller Kehle rief: „Pass auf! Mach dich nicht zu sehr von jemand anderem abhängig. Wie sollst du denn sonst klarkommen, falls das Ganze in die Brüche geht?“ Ja, ich gebe zu, dass die Angst immer noch da ist – davor, sich zu sehr an den Mann an meiner Seite zu gewöhnen und im worst case noch alleiner als vorher dazustehen.

Was ich allerdings ebenfalls verstanden habe ist, dass man eine Beziehung nicht mit Stützrädern fahren kann.

Es gibt kein Sicherheitsnetz, dass man sich bewahren kann und das den Sturz im Ernstfall abfängt. So läuft das nicht. Entweder man macht mit oder eben nicht. Und so habe ich mein Leben irgendwann vollkommen geöffnet, meinen Freund reingelassen und akzeptiert, dass ich nicht mehr alleine sein will. Jetzt, wo ich trotzdem schlicht und einfach für knapp zwei Wochen alleine bin, versuche ich das Beste draus zu machen und mich nicht selbst dafür zu verachten, dass ich mich ein wenig alleine fühle.

Es ist nicht unselbstständig, abhängig oder umfeministisch sich zu öffnen, zu lieben, zu vermissen und seine Zeit am liebsten mit seinem Partner zu verbringen. Jedes Paar macht seine eigenen Regeln – und mein Freund und ich verbringen den Großteil unserer Zeit einfach gemeinsam. Deshalb ist auch klar, dass wir uns fehlen, wenn wir uns nicht sehen.

Und auch wenn es mir nicht schmeckt und viele meiner Freundinnen nicht nachvollziehen können, wieso ich mich bei (nur) 12 Tagen so anstelle, war diese Zeit und die Erkenntnisse unheimlich wichtig für mich. Manchmal muss man seine Gefühle einfach ein bisschen genauer betrachten, ganz ehrlich zu sich selbst sein und einsehen, dass sich die Dinge verändern. Denn auch wenn ich in der Vergangenheit tagelang ohne Probleme alleine sein konnte, möchte ich es jetzt nicht mehr.

Und das ist nicht schlimm, schwach oder doof, sondern eigentlich sehr, sehr schön.