Die Ruhe vor dem Shitstorm

Die Ruhe vor dem Sturm. Eine Ruhe, die so verdächtig still ist, dass man ihr nicht ganz vertrauen mag.

Ich will ganz ehrlich mit Euch sein. Als ich mich vor einem halben Jahr entschloss mich mit meinem Blog selbstständig zu machen, war mir völlig klar, dass ich mich, meine Worte und Gedanken in eine für mich neue, angreifbare Position bringen würde. Schluss mit dem anonymen Verstecken irgendwo unter einem langem Text auf einer Magazinseite. Kein Textchef mehr, der mich vor zweideutigen Aussagen bewahrt oder mit einem frischen Augenpaar auf den Text blickt. Ab jetzt geht es für mich ungeschützt ins World Wide Web.

Ab jetzt geht es für mich ungeschützt ins World Wide Web.

„Du musst mit Kritik gut umgehen können. Im Netzt geht es ganz schön zu.“, war einer der ersten Tipps einer Blogger-Kollegin. Denn wie wir alle wissen, fällt es den Menschen leichter Ihrem Unmut per anonymem Tastenklick Luft zu machen, statt Face to Face. Es wird kritisiert was das Zeug hält: „Was ist denn das für ein Look?“, „Da ist doch alles retuschiert.“, „Schön, dass Du dir das leisten kannst. Ich nicht!“

Zugegeben, das machte mir anfangs schon ein kleines bisschen Angst.

Zugegeben, das machte mir anfangs schon ein kleines bisschen Angst. Versteht mich nicht falsch, ich finde den offenen Austausch super und wahnsinnig wichtig (das war schließlich mit ein Grund wieso ich vom Printmagazin zum Blog wechselte), aber ich fing an mich zu fragen, ob ich denn nun so jemand bin, der gut mit Kritik und Negativkommentaren umgehen kann. Ganz ehrlich – wer ist das schon?

Sicher, ich fange nicht jedes Mal das Weinen an, wenn sich jemand auch nur im Entferntesten negativ über mich äußert, aber es trifft mich. Ich bin ein Mensch, an dem Kritik definitiv nicht einfach so abperlt und auch wenn ich für mein Leben gerne diskutiere, sehr stur sein kann und meine Meinung (schon seit Kindertagen an) mit viel Nachdruck vertrete, bleibe ich dabei immer fair. Und das erwarte ich auch von meinem Gegenüber.

Wenn ich jetzt auf den Veröffentlichen-Button drücke und meinen Text in die Welt raus schicke, weiß ich nicht was da für Reaktionen auf mich zukommen. Ob mir jemand mit Wohlwollen gegenüber tritt oder ob er mich eben doof finden will. Ich kenne meinen Gesprächspartner nicht und kann Missverständnisse im Notfall nicht mal so eben aus dem Weg räumen. Es fehlen Gestik, Mimik und der Tonfall. Im Netz stehen meine Worte für sich.

Im Netz stehen meine Worte für sich.

Wir kennen es doch alle: Wie oft versteht man das geschriebene Wort bei WhatsApp oder sonstwo falsch und legt seinem Gegenüber so eine völlig falsche Nachricht in den Mund? Den falschen Smiley benutzt – oder noch schlimmer: gar keinen – und schon wird eine Nachricht als zickig, nachtragend oder aggressiv interpretiert. Was wenn mir das auf dem Blog passiert? Was wenn ich mich mal komplett in die Nesseln setze?

Wenn ich manchmal lese oder höre, was die Leute unter Bilder kommentieren, unter Blogposts schreiben oder sogar als Email direkt an die betreffende Person schicken, da bleibt einem schon die Spucke weg. Ich habe noch nie ganz verstanden, wieso es Leuten so leicht fällt Negativkommentare in dem kleinen Kommentarfeld abzulassen. Wieso der Umgang im Netz oft ohne „Hallo“, „Tschüss“ oder „Danke“ auskommen muss. Verstehe ich einfach nicht.

Aber kommen wir zurück zur trügerischen Ruhe. Denn ich bin jetzt seit fast drei Monaten online und – Nix. Nada. Friede, Freude, Eierkuchen.

Aber kommen wir zurück zur trügerischen Ruhe. Denn ich bin jetzt seit fast drei Monaten online und – Nix. Nada. Friede, Freude, Eierkuchen. Kein Hate weit und breit. Ich bekomme ausschließlich nette Kommentare, Nachrichten und Emails und das höchste der Gefühle war bisher die völlig berechtigte Nachfrage, wie ich mir denn eine Plastiktasche für 400 € kaufen kann. Das hat für mich nix mit dem viel diskutierten Hate-Kommentaren zu tun, die im Netz gern hinterlassen werden. Und dafür bin ich Euch, meinen Lesern, extrem dankbar. Mit so viel Unterstützung hätte ich nie im Leben gerechnet.

Man sollte also meinen, dass ich doch froh sein kann, dass ich bisher verschont geblieben bin. Und trotzdem bleibt dieses dumpfe Gefühl, dass es mich früher oder später treffen kann und sicherlich auch wird. Es ist nur eine Frage der Zeit. Bis ich mich mal doof ausdrücke, missverstanden werde, jemandem meine Nase nicht gefällt oder ich einfach mal ziemlichen Quatsch erzähle. Denn auch das tue ich manchmal im wahren Leben. So wie jeder von uns. Und auch auf dem Blog werde ich das ein oder andere Mal komplett danebenliegen. Und dann will ich, dass mir das jemand sagt. Nur eben auf eine anständige Art und Weise. Ich freue mich auf Dialoge, über einen Meinungsaustausch und auch auf Kritik. Das ist toll, wichtig und mir wahnsinnig viel Wert.

Das ist toll, wichtig und mir wahnsinnig viel Wert.

Ich wünsche mir also ein bisschen mehr real life im Netz. Dass wir uns so ansprechen und unterhalten, wie wir es auch auf der Straße tun würden. Eine Gesprächskultur, die ihren Namen wirklich verdient hat. Denn auch in der digitalen Welt sind wir doch hinter unserem Screen alle Menschen aus Fleisch und Blut. Und auch wenn wir Blogger uns natürlich freiwillig der Bewertung anderer aussetzen, heißt es noch lange nicht, dass wir Freiwild sind. Bis mein Wunsch aber in Erfüllung geht, übe ich mich noch ein bisschen darin, mir ein dickeres Fell zuzulegen. Denn das Leben ist kein Ponyhof – auch wenn es auf Instagram & Co manchmal so aussieht.

Denn das Leben ist kein Ponyhof – auch wenn es auf Instagram & Co manchmal so aussieht.