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Frollein Herr

Mizellenwasser

Dieser Artikel liegt jetzt schon drei Wochen fertig auf meinem Schreibtisch. Eigentlich hatte ich ihn für meine Urlaubswoche eingeplant, aber dann kam alles anders als gedacht und irgendwie erschien mir ein “stinknormaler” Beautyartikel so irrelevant. Und nun – ist irgendetwas anders? Nicht wirklich, aber ich bekomme so viele liebe Nachrichten von Euch, in denen Ihr Euch genau diese “stinknormalen” Artikel wünscht – die Artikel, die auch neben Corona Platz haben können und die trotzdem auf irgendeine Art und Weise relevant sind. Deshalb habe ich mich entschieden, Euch heute mit ein wenig Beauty-Insight zu versorgen. Denn kaum ein Beautyprodukt hat sich in den letzten Jahren einen so festen Platz in unserer Beautyroutine erkämpft, wie das Mizellenwasser. Von günstig bis teuer stehen die Regale in Parfümerien, Drogerien und Apotheken voll mit dem Wunderwässerchen, das Make-up, Schmutz oder Talg effektiv entfernt und selbst unterwegs ein zuverlässiges Reinigungsprodukt ist. Toll, oder? Der festen Überzeugung war ich zumindest – bis ich vor ein paar Wochen auf einem Experten-Talk zum Thema Skincare war und dort der promovierten Kosmetologin Dr. Sabine Gütt lauschte, die sich über die Mizellentechnologie, die Marken und die fehlende Aufklärung zu diesem Thema echauffierte.

Wie jetzt? Bei Mizellenwasser kann man was falsch machen?

Das waren News, die mich neugierig gemacht haben und deshalb habe ich mir Frau Dr. Gütt geschnappt, deren Meinung ich sehr schätze und die ich regelmäßig zu komplexen Skincare-Themen um Rat frage und habe versucht der Sache auf den Grund zu gehen. Aber zunächst mal zur Grundlage: Wer weiß eigentlich was Mizellen sind?

Mizellentechnologie: Was ist das überhaupt?

Sieht aus wie Wasser, riecht nach nix und ist einfach fürchterlich praktisch – aber hinter dem klaren Wasser steckt eine recht komplexe Technologie. Mizellen sind zusammengelagerte Molekülkomplexe aus Tensiden, die Wasser- und Fettphase verbinden. Frau Dr. Gütt nennt sie liebevoll auch “Tenside im Sitzkreis”.

Vereinfacht gesagt sind Mizellen nichts anderes als Seife und werden deshalb auch in Waschmitteln verwendet. Moment mal – Seife? Das ist ja nun nicht unbedingt neu wenn es um Reinigung geht, oder? Exakt! Im Grunde ist die Mizellentechnologie alles andere als neu – aber in der Form, in der wir sie im Bad stehen haben, schon. Denn die Tenside, die in Mizellenwasser enthalten sind, sind besonders fettlösend und reinigen damit auch ganz ohne Rubbeln oder Druck effektiv. Make-up oder Schmutz werden von den Mizellen eingeschlossen und von der Haut entfernt.

Es gibt inzwischen kaum eine Marke, die kein Mizellenwasser im Sortiment hat und die beginnen preislich bei unter einem Euro in der Drogerie und gehen bis zu über 30 Euro im Luxussortiment. Das Verkaufsargument dabei lautet: Funktioniert auch ohne Wasser! Schließlich ist Mizellenwasser ja irgendwie Wasser oder? Also kein nerviges mehrstufiges Abschminkritual mehr. Einfach das Wunderwässerchen auf ein Wattepad geben, kurz durchs Gesicht rubbeln und fertig.

Denkste, Puppe!

Mizellentechnologie: Wo liegen die Gefahren?

Ein Mizellenwasser zum Abschminken zu verwenden und das Gesicht anschließend noch in einem extra Step zu reinigen, ist kein Problem. Aber – und dieses aber ist ein besonders großes ABER – es muss danach unbedingt abgewaschen werden! “Werden Tenside nicht wieder von der Haut abgewaschen, sprich eine Creme wird darüber gecremt, kommt es zum wash-out Phänomen. Dabei werden die schützenden Epidermis-Lipide gelöst und abgewaschen. Die Folge ist ein Schaden der Hautbarriere und eine Sensibilisieren der Haut.”, erklärt die Expertin. Verwenden wir also ein Mizellenwasser als einzigen Reinigungsschritt und fahren dann, wie gewohnt, mit unserer Pflegeroutine fort (Serum, Creme, usw.) schließen wir die Tenside unter einer Cremeschicht ein und lassen sie dort stundenlang das tun, wozu sie da sind – nämlich reinigen. Allerdings entfernen sie dann nicht mehr nur Make-up & Co., sondern auch die für unsere Haut so unfassbar wichtige Schutzbarriere aus Lipiden, die unser größtes Organ vor äußeren Einflüssen, Wind & Wetter und vom Feuchtigkeitsverlust bewahrt.

Während wir denken unserer Haut etwas Gutes zu tun, schaden wir ihr also. Wie kann das sein?

Mizellentechnologie: Mein Fazit

Der Fehler im System liegt hier ganz klar bei den Herstellern. Ich habe mir verschiedene Mizellenwasser angesehen und bei fast keinem wird darauf hingewiesen, dass das Produkt unbedingt abgewaschen werden muss. Schlimmer noch: Viele Hersteller werben sogar damit, dass man mit Mizellenwasser jeden weiteren Reinigungsschritt ersetzen kann. Das ist nicht nur in meinen Augen fahrlässig, sondern auch in den der Expertin. Wieso die Marken damit bisher durchgekommen sind, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht.

Bedenkt man, dass die Sensibilisierung der Haut immer weiter zunimmt und Hautprobleme (wie z.B. die Periorale Dermatitis) ganz klar auf dem Vormarsch sind, wird diese Tatsache noch bedenklicher. Im Grunde ist es doch so: Hautpflege ist komplex – und je mehr man darüber weiß, desto besser kann man mit ihr auch das erzielen, was man sich wünscht. Wir brauchen also mehr Aufklärung, mehr Transparenz, mehr Anleitung statt leerer Werbeversprechen. Auch wenn ich Mizellenwasser immer schon als ersten Schritt der Reinigung verwendet habe und anschließend gründlich abgewaschen habe, hat mich die Erkenntnis und die Recherche zu dieser Thematik doch ein wenig schockiert. Deshalb kann ich auch Euch nur ans Herz legen, das Wunderwasser ab sofort als das zu sehen, was es ist: Ein Reinigungsprodukt. Auch wenn es nach nichts riecht und aussieht wie Wasser, es ist keines.

Und einen Cleanser würdet Ihr ja schließlich auch nicht auf der Haut lassen und anschließend mit Creme versiegeln, oder?

Comments

  • 2. April 2020
    reply

    Ohjee! Zum Glück hast du das geschrieben! Ich glaube das erklärt Einiges… Danke!

  • 2. April 2020
    reply

    Danke, dass du das recherchiert hast! Momentan benutze ich zum Abschminken nur warmes Wasser und ein Mikrofaser-Abschminktuch. Bin aber auch großer Mizellen-Fan. Total hilfreicher Post! ?

  • 2. April 2020
    reply
    Nadie

    Wow! Das war mir nicht bewusst!
    Oft wasche ich mein Gesicht nach der Reinigung mit
    Mizellenwasser, einfach fürs Gefühl, aber das das wirklich notwendig ist, war mir nie klar.
    Man lernt nie aus!

  • 3. April 2020
    reply
    Dorothea

    Danke! 10000 Dank!!!!!. Für mich einer meiner größten Beauty-Aha-Momente. Ich wasche nämlich mein Gesicht morgens nie mit Wasser – hab`´bis vorgestern tatsächlich immer nur Mizellenwasser zum morgendlichen Reinigen verwendet und mich dann gewundert warum ich nach Auftragen eines Serums so viele und so eigenartige rote Flecken im Gesicht hatte. Mit “Absetzen” des Mizellenwassers und simpler Verwendung eines Toners man Morgen habe ich die beste Haute seit Langem! Kurzum: Du machst einen Spitzenjob. Danke meine Liebe!

    Liebe Grüße
    Dorothea

      • 15. Juli 2020
        reply
        Anja

        Danke!
        Ein sehr hilfreicher Hinweis, da gerade im Drogeriemarkt anstelle von Tonern gefühlt nur noch Mizellenwasser zu finden ist.

  • 6. April 2020
    reply
    Jule

    Liebe Karo, danke für den Beitrag! Ich überlege nun, Mizellenwasser in meine tägliche Reinigungsroutine zu intergrieren. Bis jetzt besteht sie aus nur einem Schritt: Make-up inkl. Mascara runter mittels Waschgel (mit den Händen, d. h. meist ohne (Mikrofaser-)Waschlappen). ? Denn bisher bin ich damit immer sehr gut zurechtgekommen. Jetzt bekomme ich allerdings in letzter Zeit ab und zu hartnäckige Pickel. Die Ursachen können natürlich verschiedene sein; Ernährung etc. Aber: Denkst du, dass es Sinn ergibt, das Make-up zunächst mit dem Waschgel und anschließend mit einem Mizellenwasser zu reinigen oder das Waschgel lieber komplett ersetzen?

    Herzlichen Dank & viele Grüße

    PS: Ich hatte bis vor circa einem halber Jahr auch noch Fake Lashes und das Gesichtwaschen mit beiden Händen und dann “Schrubben” hatte mir damals total gefehlt! ?

    Jule

      • 6. April 2020
        reply
        Jule

        Ja, das stimmt – ohne, dass man genau weiß, wieso meine Haut sich derzeit so verhält und wie sie genau aussieht, ist es schwierig. Aber ich probiere die Reihenfolge gern mal. Herzlichen Dank!!

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