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Frollein Herr

Ich werde nie vergessen, wie ich in meinem ersten Semester an der Uni meine erste 1.0 schrieb.

Die Prüfungsergebnisse waren pünktlich zur versprochenen Uhrzeit im Online-Portal der Uni abrufbar – also klickte ich mich hektisch durch die benutzerunfreundliche Seite und fand schlussendlich diese dubiose Zahl: 1.0. Daneben mein Name. Mein erster Gedanke: Gut, da scheint dann wohl was schief gelaufen zu sein. Wen rufe ich denn da jetzt am besten an? Wie sich einige Stunden und mehrere Anrufe am Lehrstuhl meiner Uni später herausstellte, lag hier kein Eintragungsfehler im System vor. Ich hatte tatsächlich eine 1.0 geschrieben. Aber vielleicht hatten ja alle anderen ebenso gut abgeschnitten und die Prüfung wurde einfach nur sehr nett bewertet? Nein – das wurde sie nicht und meine Freunde und Kommilitonen hatten allesamt schlechter abgeschnitten als ich. Zufall? Glück? Egal wie ich es drehte und wendete, das Gefühl von Stolz auf die von mir erbrachte Leistung wollte sich nicht so recht einstellen. Auch 5 Semester später, als ich nach vielen Einser-Ergebnissen, auch meine Bachelorarbeit mit 1,0 zurückbekam, verschwendete ich mehr Gedanken darauf, mich zu fragen, wie zur Hölle das denn sein könne und der Angst, dass auch hier ein Irrtum vorliegen könne, statt mir selbst auf die Schulter zu klopfen und mich schlicht und einfach zu freuen.

Das Gefühl, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen war und früher oder später herauskommen würde, dass ich eigentlich gar nicht so kompetent war, wie andere dachten – im schlimmsten Fall sogar für diese Fehlbewertung bestraft zu werden – zog sich auch nach der Uni weiter durch mein berufliches Leben. Vom ersten Praktikum bei einer Modezeitschrift, das ich ergatterte, über meine Stelle als Assistentin, bis zur Festanstellung als Redakteurin. Viel zu selten machte ich meine Fähigkeiten für meine Erfolge verantwortlich, sondern suchte Erklärung darin, dass es eventuell an Konkurrenz gemangelt hatte, man mich einfach nur “nett” fand oder ich schlichtweg Glück gehabt hatte. Auch heute noch verbuche ich viele, wenn auch weniger als früher, meiner beruflichen Erfolge unter “Glück gehabt”, während ich Misserfolge als Bestätigung meiner eigenen Unfähigkeit sehe.

Wer sich nach dieser Einleitung wieder erkannt hat, dem möchte ich sagen: Willkommen im Club! Denn weder du, noch ich sind mit diesen Gedankengängen alleine.

Das psychologische Phänomen, von dem ich hier spreche, hat einen Namen und zwar Impostor Syndrome, wahlweise auch Impostor Experience oder Impostor Phenomenon oder im deutschen Hochstapler-Syndrom genannt. Geschätzte 70% aller Menschen hatten oder haben diese und ähnliche Gedankengänge und selbst große Erfolgspersönlichkeiten wie Albert Einstein (er nannte sich selbst einen “unfreiwilliger Schwindler”), gehörte zu unserem Club. Das Prinzip dahinter: Der eigene Erfolg wird nicht als das Ergebnis der eigenen Fähigkeiten, sondern als Glück oder Zufall gewertet. Das Gefühl, eben jenen Erfolg nicht verdient zu haben ist tief und umfassend und demzufolge erwartet man früher oder später als “Hochstapler” enttarnt zu werden – daher auch der Name.

Die Psychologinnen Pauline Rose Clance and Suzanne Imes waren in den 70er Jahren die ersten, die sich mit diesem Phänomen befassten und kamen damals zu der Erkenntnis, dass besonders Frauen unter derartigen Gedanken leiden. Seitdem ist die Forschung weit vorangeschritten und es wurde festgestellt, dass dieses Problem alle Geschlechter und Altersgruppen betrifft. In den USA allerdings gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die statistisch besonders stark unter dem Impostor Syndrome leidet: Afroamerikaner. Das Gefühl der Unzulänglichkeit und des “nicht gut genug seins” ist in diesem Fall selbstverständlich genauso ungerechtfertigt, wie bei jeder anderen Bevölkerungsgruppe auch, jedoch hängt in diesem speziellen Fall das Problem, seine eigenen Erfolge zu “internalisieren”, also anzuerkennen und zu verinnerlichen, eindeutig mit dem systematischen Rassismus und einem über Jahrhunderte bestehenden Mangel an Wertschätzung zusammen. Wer konstant gesagt oder gezeigt bekommt, dass er etwas nicht kann, glaubt oft früher oder später selbst dran.

Einen einzelnen Grund aber, wieso genau man nun so fühlt, wie man fühlt, gibt es leider nicht. Aber eine Lösung! Nämlich darüber zu reden.

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Als ich Euch vor ein paar Wochen Anna in meinem Job-Talk (hier) vorstellte, die ganz offen von ihrer eigenen Geschichte mit dem Impostor Syndrome berichtete, bekam ich zahlreiche Nachrichten, dass auch einige von Euch das Gefühl sehr gut kennen und bisher dachten, damit alleine zu sein. Womit wir übrigens bei einem sehr wichtigen Mechanismus wären, der hinter dem Hochstapler-Syndrom steckt, der sogenannenten “pluralistic ignorance”. Die beschreibt den Fakt, dass alle Betroffenen diese Gedanken im Privaten hegen, darüber aber nicht sprechen und deshalb denken, damit alleine zu sein. Ein Teufelskreis. Spricht man allerdings über seine Gefühle, Befürchtungen und die Angst, irgendwann als inkompetent enttarnt zu werden und trifft dabei auf Menschen, die exakt dieselben Gedanken, Ängste und Gefühle haben, wird das eigene Hochstaplergefühl abgeschwächt und die Chancen Gedankenmuster zu verändern, steigen.

Mich selbst begleiten die oben genannten Gedankengänge schon mein ganzes Erwachsenenleben, auch wenn ich sagen muss, dass ich damit immer besser umgehen lerne. Mir fällt es schwer, berufliche Erfolge oder die Erfolge, die mit irgendeiner “Leistung” meinerseits in Verbindung stehen, als solche zu erkennen und bin nach jedem Erfolg auf einen Misserfolg, beziehungsweise die Rücknahme des vorangegangenen Erfolgs, gefasst. Bei eigentlich jeder Arbeit, die ich mit oder für einen Kunden produziere, bin ich darauf gefasst, dass dieser enttäuscht sein, mich nicht bezahlen oder die Zusammenarbeit sofort beenden wollen wird. Der Fakt, dass dieses Szenario noch NIE eingetreten ist, beruhigt mich dabei leider eher wenig. Erinnert Ihr Euch noch an meinen Artikel zum Thema Erfolg (hier)? Wie ich mit ein wenig Abstand zur Veröffentlichung dieses Artikels feststellen muss, stecken auch hier jede Menge Gedankengänge und Ängste drin, die ganz klar mit dem Impostor Syndrome zusammenhängen.

Die Unfähigkeit, die eigenen Fähigkeiten in direkter Verbindung mit der eigenen Leistung zu sehen, werden in der Forschung übrigens ausdrücklich nicht als mentale Störung oder Abnormität gewertet. Trotzdem können sie das Leben der Betroffenen stark einschränken, weil diejenigen, die sich selbst als Hochstapler oder “der Aufmerksamkeit unwürdig” begreifen, oft dazu neigen, ihre eigenen Gedanken oder Ideen nicht zu äußern, sich nicht auf Jobs zu bewerben oder sich generell zurückzuhalten, wenn es um Selbstbehauptung geht.

Ich habe zum Glück, besonders in den letzten Jahren, viel mit Freunden über genau diese Gefühle gesprochen und kann bestätigen, dass der Austausch darüber hilft.

Ich bin nicht alleine, das weiß ich jetzt. Und auch wenn es mich jedes Mal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt, wenn mir eine Freundin am Telefon von ihrem neuen Job und der Angst erzählt, das Chef oder Kollegen früher oder später herausfinden werden, dass sie null qualifiziert ist für die Stelle, obwohl ich persönlich eben jene Freundin aus tiefstem Herzen für ihr Können bewundere, ist es doch unfassbar wichtig, diese Gedanken nicht als “Unsinn” abzutun.

Gefühle sind per se alles andere als rational oder objektiv und sie lassen sich nicht verjagen, nur weil man feststellt, dass sie eventuell unbegründet sind. Wenn Ihr also Freunde habt, die Euch gegenüber solche oder ähnliche Gedanken geäußert haben: Hört Ihnen zu. Lasst sie ausreden und helft ihnen dabei, zu verstehen, dass diese Gedanken vielleicht unbegründet sind, aber dennoch ihre Daseinsberechtigung haben. Wenn ihr selbst so über Euch denkt, dann sprecht darüber. Mit euren Freunden, eurer Familie oder einer TherapeutIn. Googelt “Impostor Syndrome”, lest Artikel oder schaut Videos, die das Prinzip und dessen Folgen einfach und anschaulich erklären und macht euch das Ziel klar: Es ist ganz großartig und keinesfalls vermessen, seine eigenen Erfolge zu feiern. Und nicht nur, weil ihr wisst, dass das von euch erwartet wird, sondern weil ihr selbst fühlt, dass euer Erfolg eben kein Glück oder Zufall war, sondern EUER Verdienst. Ganz alleine.

Und noch wichtiger: Fast alle von uns fühlen sich dann und wann wie Hochstapler, haben Angst zu versagen, nicht zu genügen oder “enttarnt” zu werden. Mit diesem Wissen ist man in dieser leistungsbetonten Welt deutlich weniger alleine – und wenn selbst Albert Einstein deine Ängste teilte – bist du doch in bester Gesellschaft.

Comments

  • 18. Juni 2020
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    Johanna

    Sxhön, dass du wieder über “Ernstere” Themen schreibst. Diese Artikel schätze ich ganz besonders auf deinem Blog 🙂

  • 20. Juni 2020
    reply

    Danke Karo, dass du dieses Thema gewählt hast. Ich leide auch darunter und auch sehr viele meiner Sängerkollegen. Ich habe einen mega Tipp bekommen. Und zwar eine Beweisliste zu schreiben. Auf die man in schlechten Momenten draufschauen kann und dann nicht anders kann als zu glauben, dass man etwas beherrscht. Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende!

    • 20. Juni 2020
      reply
      Annika

      Liebe Sarah,
      Danke für deinen tollen Tipp. Bisher hatte ich unregelmäßig, meine „kleinen Erfolge“ notiert um es schwarz auf weiß sehen zu können. Zur nachhaltigen Realisierung für das eigene Gehirn, finde ich die Beweisliste großartig!

      Liebe Karo,
      Danke für das aufgreifen dieses Themas – du ahnst nicht, wie sehr du damit hilfst.
      Herzlichst
      Annika

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