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Frollein Herr

Überforderung durch zu viel Meinung?

I love the internet!

Ich meine: Wie genial ist es bitte, dass wir 24h Stunden am Tag rund um den Globus vernetzt sind und uns alle möglichen Informationen mit nur ein paar Mausklicks selbst besorgen können? Hat man früher noch in Schule, Studium oder Job auf der Suche nach Informationen zu einem bestimmten Thema das letzte verstaubte Exemplar in der Bibliothek erschnüffeln müssen, funktioniert Recherche heute ganz easy vom Laptop oder dem Handy aus. Und dann können wir deren Ergebnis auch sofort mit nur einem weiteren Klick mit der ganzen Welt teilen. Toll, oder?

Ich als Bloggerin, also jemand, der das Netz, die Vernetzung und die Unmittelbarkeit im Meinungsaustausch eigentlich uneingeschränkt feiern müsste, antworte darauf in letzter Zeit immer öfter eher mit einem gemurmelten Jein, als mit einem begeisterten Ja – denn: Ich persönlich habe immer mehr das Gefühl unter der Informationsflut zu versinken und fühle mich oftmals nicht mehr in der Lage echte Informationen von Halbwissen zu unterscheiden. Gerade ich, die im Literaturstudium gelernt hat professionell zu recherchieren, Struktur in Texte zu bringen und als Redakteurin tagein tagaus Informationen gesichtet und sortiert hat, tue mich mit der Meinungsbildung zu einigen Themen derzeit verdammt schwer.

Und wieso? Weil ich mich persönlich nicht wohl dabei fühle, meine Meinung zu einem Thema laut herauszubrüllen, wenn ich mich nicht ordentlich informiert fühle.

Um ganz ehrlich mit Euch zu sein, lag dieser Artikel schon Monate auf meinem Desktop und ich habe lange überlegt, ob und wie ich ihn anpacken kann. Denn ich möchte der freien Meinungsäußerung selbstverständlich in keinstem Fall auch nur ein Fünkchen Daseinsberechtigung absprechen und gerade in Zeiten von Klimawandel, Trump & AFD ist es selbstverständlich SAGENHAFT wichtig, dass wir den Mund aufmachen, aufstehen, protestieren und eben unsere Meinung äußern. Ich denke auch, dass wir ab und an brüllen müssen, da die Stimme der Vernunft im Gewirr der gefährlichen Meinungsmache unterzugehen droht. Und trotzdem – bei all den Infos, Bildern, Nachrichten und Kommentaren, die tagtäglich durch sämtliche Medien auf uns einprasseln, bleibt manchmal einfach kaum genug Zeit, um sich ausgiebig zu informieren, bevor das nächste Ding im Feed oder per Push-Benachrichtigung auftaucht. Ob bei Instagram, Twitter oder im TV:

Eine News jagt die nächste, Debatten erlischen so schnell wieder, wie sie erst aufloderten und während heute noch alle “A” schreien, wird es morgen mit ziemlicher Sicherheit “B” sein!

Und dabei rede ich noch nicht einmal alleine von politischen Themen. Auch während meiner täglichen Recherchearbeit für den Blog tue ich mich ehrlicherweise oft schwer, verlässliche Quellen aufzutun. Das fängt bei Mikrothemen, wie den Vor- und Nachteilen von Hyaluronsäure an und geht bis zu umfassenden Recherchen zum Thema Tierversuche in der Kosmetik. Finden tue ich natürlich viel, aber habe ich erstmal eine scheinbar verlässliche Quelle gefunden, folgen drei weitere, die der ersten widersprechen, stets auf dem Fuße.

Versteht mich nicht falsch, ich möchte hier nicht über unser glorreiches Informationszeitalter jammern und Euch auch nicht durch die Blume sagen, dass dem, was ich hier auf dem Blog veröffentliche, eigentlich keine umfassende Recherche vorangegangen ist. Selbstverständlich informiere ich mich stets über den Pressetext hinaus, spreche mit Experten und versuche Informationen oder Werbeversprechen zu hinterfragen, aber: Inwieweit ist das eigentlich noch möglich?

Gibt man bei Google eine Frage ein, findet man Millionen Antworten. Welche davon stimmt? Welche nicht? Und: Hat die Mehrheit eigentlich immer Recht?

Im Grunde trifft doch hier auch die Floskel über Ärzte zu: Frage einen Arzt und du bekommst eine Meinung, frage drei und du bekommst vier. Egal was du suchst, egal wie hanebüchen und nischig oder fundiert und bereits bewiesen: Du findest im Netzt abertausende Einträge oder Personen, die deine Information entweder bestätigen oder dir das genaue Gegenteil erzählen wollen. Und im Prinzip trage ich ja auch meinen Teil dazu bei. Schließlich wird man über Google auch auf meinen Blog geleitet, wenn man nach bestimmten Stichwörtern sucht.

Aber was heißt das jetzt für uns? Müssen wir im digitalen Informationsalter einfach mehr Arbeit in die Recherche stecken, um verlässliche Informationen zu erhalten? Ist das die Lösung?

Puh, ich glaube das Thema ist viel, viel größer – und vor allem gibt es wohl keine eindeutige Antwort darauf. Auch wenn ich das Privileg der selbstständigen Beschaffung von Informationen und die freie Meinungsäußerung ganz klar zu schätzen weiß (I mean: irgendwie gibt es uns Blogger ja auch nur deshalb), sehe ich in der letzten Zeit verstärkt auch die Kehrseite der Medaille. Ob nun im Vorfeld der EU-Wahlen, die Debatte um das Rezo-Video oder was auch immer – ich sitze oft vor Fernseher, Computer oder Handy und empfinde eine ziemliche starke Resignation, statt einer eindeutigen Meinung. Manchmal weiß ich einfach nicht wo ich mich positionieren soll, weil es so viele Standpunkte, so viele (vermeintliche) Fakten und so viele unterschiedliche Beweggründe gibt. Und weil durch Social Media & Co. manchmal einfach nicht die Zeit bleibt, all das zu checken, bevor es veröffentlicht wird und ich persönlich einfach sehr ungerne meinen Mund aufmache, wenn ich mich nicht ausreichend informiert fühle, bleibe ich immer öfter still.

Dabei würde ich mich jetzt noch nicht mal als wenig meinungsstark oder positionierungsunfreudig bezeichnen.

Aber sei es beruflich oder privat, finde ich mich immer wieder in Diskussionsrunden und Debatten wieder, in denen mit Halbwissen in Stiller-Post-Manier geprahlt und missioniert wird. Jeder weiß es besser als der andere, hat erst neulich eine Doku dazu gesehen, einen Bericht gelesen oder einen Link auf Facebook. Es wird auf die einen geschimpft und dann auf die nächsten und irgendwie scheint dennoch niemand eine Lösung parat zu haben – oder sich auch mal an die eigene Nase fassen zu wollen.

Es gibt nicht die eine Wahrheit. Schon klar, aber wie soll ich mir denn nun eine Meinung bilden, wenn ich die Fakten nicht mal im Ansatz überblicke?

Debatten und Diskussionen sind gut und die Grundlage aller sozialen Netzwerke, in denen ich mich so zuhause fühle, dass ich mich entschieden habe, einen Job daraus zu machen. Was mir allerdings immer wieder aufstößt, ist die Vehemenz und Unbeugsamkeit, mit der Diskussionen im Netz geführt werden. Es gibt kein Zuhören und Reagieren mehr. Es gibt nur noch ein Abladen der eigenen Meinung. Jeder darf und soll seine Meinung kundtun. Heißt das aber, dass der, der am lautesten brüllt, denn auch automatisch Recht hat?

Puh Freunde, alleine während ich diesen Text schreibe, spüre ich sie schon wieder: die Informationsflut. Mein Handy hat zwei Mal geklingelt, es kamen 10 Push-Benachrichtigungen und 13 E-Mails. Und wisst Ihr, was davon hängen geblieben ist? Richtig – Nada. Denn obwohl ich ein digital native bin, mein soziales Netzwerk pflege und laut meiner Berufsbezeichnung “Influencer” ja irgendwie ein Meinungsmacher bin, bin ich halt doch auch einfach nur ein Wesen mit begrenztem Aufnahmevermögen, das manchmal Richtig und Falsch nicht mehr voneinander unterscheiden kann – und sich in dieser Situation immer öfter unwohl fühlt. Dabei bin ich mir aber auch sicher, dass es dem ein oder anderen von Euch so geht. Höre ich mich in meinem Freundeskreis um, ist es definitiv so. Immer mehr fühlen sich überfordert von der Vielzahl an Themen und Standpunkten, kommen nicht mehr mit und resignieren zum Teil sogar. Das ist schade und sollte so nicht sein. Denn es ist doch das Netz, dass uns allen eine Stimme verleiht, dass uns den Austausch ermöglicht und uns einander näher bringen soll, statt uns voneinander zu entfernen.

Und so habe ich mich entschieden, ab und an mal öfter den Mund, und vor allem inne zu halten.

Mich nicht zu allem und jedem zu äußern, nicht die Wahrheit für mich zu beanspruchen und vor allem nicht anderen genau diese abzusprechen. Ich denke ein großes Learning dabei ist, dass wir alle nur die halbe Wahrheit kennen. Ich wage zu behaupten, dass es (bis auf wenige Ausnahmen selbstverständlich) kaum noch das eine Richtig oder Falsch, eine überschaubare Menge an Informationen oder ein Schwarz und Weiß gibt. Und bis ich mir für mich selbst eben eine Gangart überlegt habe, hinter der ich zu 100% stehen kann, möchte ich lieber inne halten und abwägen, überlegen und zuhören, statt sofort meinen Senf zur Debatte du Jour hinzuzugeben – und nur dann laut werden, wenn ich wirklich hinter etwas stehe. Das mag dem ein oder anderen eventuell feige vorkommen und vielleicht wird es mir in Zukunft auch wieder anders gehen, aber ich denke, dass auch still sein sehr viel Mut braucht.

Besonders in einer Zeit wie dieser, in der es doch ehrlicherweise manchmal recht wurst ist, was gesagt wird. Hauptsache es wird geredet!


Comments

  • 29. September 2019
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    Sabrina

    Geht mir exakt genauso.
    Vor allem habe ich das Gefühl, wir alle können noch viel leichter manipuliert werden. Vielleicht ist es aber nur mein Misstrauen, das immer größer wird, je mehr Meinungen ich zu einem Thema lese oder höre.
    Gefühlt ist mittlerweile auch alles so ernst und schwer geworden, als dürfte man nicht mehr lachen. Und sobald ich dachte, ich wüsste jetzt über den Kern eines Themas Bescheid, kommt jemand anderes um die Ecke und berichtet von Lobbyismus, Vetternwirtschaft, etc.
    Das macht sich politisch so extrem bemerkbar, ich finde hier ist die Informationsflut am größten, dafür, dass am Ende am wenigsten Wahrheit hinter jeder Meldung steckt.
    Super anstrengend und Resignation ist genau das, was ich momentan spüre.

  • 29. September 2019
    reply

    Danke für den großartigen Artikel! Ganz ganz toll!

  • 24. Oktober 2019
    reply
    Frieda

    Super geschrieben! Schön, dass dein Blog so eine gute (und nicht überfüllte) Mischung aus “Food for thought” und “Haben wollen” beherbergt!

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