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Frollein Herr

Wohnst du noch oder stylst du schon?

Neulich saß ich mit einer Freundin zusammen, die vor kurzem in die erste gemeinsame Wohnung mit Ihrem Freund gezogen ist und sie erzählte mir von ihren letzten Wochen. Dem Umzug, dem Stress, den Glücksgefühlen und den Interior-Ideen, die sie bei der Gestaltung ihrer neuen Wohnung inspiriert haben. “Weißt du, ich wollte irgendwie, dass die Wohnung so aussieht wie auf Instagram oder Pinterest. Perfekt halt!” , sagte sie dann – und in diesem Moment schauten wir uns beide an und hielten einen Moment inne angesichts der Absurdität dieser Aussage.

Denn es ist doch so: Instagram und seine perfekt retuschierte Scheinwelt hält nicht nur Einzug in unseren Kleiderschrank, lässt uns möglichst “fotogene” Looks zusammenstellen oder den perfekten Spot fürs Selfie finden – Nein, wir haben dem Anspruch der Perfektion längst Zutritt zu unserem Heiligsten, unsere eigenen vier Wänden, gewährt. Unter den Hashtags #howilive, #interiorinspo oder #interiorgoals werden uns tagtäglich die schönsten, durchgestyltesten und luxuriösesten Interior-Shots serviert, gegen die wohl kein “echtes” Zuhause anstinken kann.

Wir lassen Dinge rumliegen, haben Platzprobleme, zusammengewürfelte Möbel – schließlich leben wir verdammt nochmal in unseren Wohnungen und leben bedeutet eben das Gegenteil von Perfektion.

Ehrlicherweise muss ich mir hier an die eigene Nase fassen.

Denn auch ich richte für meine Interior-Shots alles mit dem höchstem Anspruch der Perfektion her, lebe und arbeite in der Instagram-Blase und vergesse selbst viel zu oft, dass es bei der Einrichtung primär darum gehen sollte, sich wohlzufühlen, als um Fotogenität.

Dadurch, dass ich aber selbst auf der anderen Seite stehe und genau weiß, wieviel Arbeit und Mühe in den perfekten Interior-Shot fließt und dass zwei Zentimeter neben dem gewählten Bildausschnitt das absolute Chaos herrscht, habe ich wahrscheinlich einen realistischeren Blick auf die Dinge. Meine Freundin aber, die ausschließlich Konsumentin der Bilder-App ist, spürt den Druck ein perfektes Heim zu gestalten, das den uns antrainierten ästhetischen Idealen genügt. Ein Kampf gegen Windmühlen.

Aber auch ich ertappe mich bei der Raumgestaltung der neuen Wohnung immer wieder dabei, mir Gedanken darum zu machen, wie die Wohnung wohl auf andere wirkt. Während mein Freund sich um Strom- oder Internetversorgung kümmert, erstelle ich Moodboards, Farbpaletten und ausführliche Konzepte für jeden einzelnen Raum. So absurd das auch klingt – aber das ist halt auch irgendwie Part meines Jobs.

Ich habe mich entschieden gewisse Bereiche meines Lebens zu teilen und ich nehme Euch alle wahnsinnig gerne mit auf diese neue und aufregende Reise. Das bedeutet aber auch, dass ich Euch kein aus Ikea-Möbeln zusammengeschustertes 08/15-Mobiliar zeigen kann. Nicht nur, weil das tatsächlich nicht ich wäre und ich mich damit nicht wohlfühlen würde, sondern weil es auch keinen Mehrwert für Euch hätte.

Und das ist ein Aspekt, den ich mit meinem Job nie aus den Augen verlieren darf.

Trotzdem ist es wahnsinnig wichtig zu sagen und ausdrücklich zu betonen, dass das nicht unbedingt die Realität ist. Auch bei mir wird es Schandflecke geben, Ecken in der Wohnung, die einfach nicht schön, sondern schlichtweg zweckmäßig sind. Diese werde ich dann nur vielleicht nicht fotografieren. So einfach ist das in der Instagramwelt!

Weil natürlich auch ich und besonders mein Freund ganz normale Menschen mit viel zu viel Zeug sind, das irgendwo untergebracht werden muss. Und auch bei uns wird spätestens nach ein paar Wochen in der neuen Wohnung der Alltag einkehren und wir werden das Putzen vergessen, unsere Socken auf dem Schlafzimmerboden verteilen und ich werde in meinem Arbeitszimmer zwischen Fotoequipment, Beautyprodukten und Schuhen vor mich hinwurschteln. Weil das die Realität meines Jobs ist.

Ich versuche in meinen Bildern eine Ästhetik auszudrücken und zu vermitteln, die nicht unbedingt mit der Realität konform gehen muss. Sie kann, muss aber nicht. Weil ich Instagram als Inspirationsquelle verstehe, als Outlet für meine Gedanken, Visionen und Wünsche. Als Ansporn. Mir bereitet es wahnsinnige Freude schöne Dinge zu entdecken, zu fotografieren, zu teilen. Und trotzdem (und das sollten wir eigentlich alle wissen) funktioniert die Realität eben nicht so. Das echte Leben lässt sich nicht stylen, nicht retuschieren oder mit einem Filter mal schnell umgestalten. Das, was hinter der Kamera passiert ist echt. Das, was auf Instagram passiert, hingegen ein verzerrtes, idealisiertes, stilisiertes Abbild der Realität.

Ich persönlich halte das nicht für schlecht. Ich habe mich damit schlicht und einfach damit arrangiert und für mich persönlich einen Weg gefunden, den Perfektionsdruck immer ein Stück auf Armlänge zu halten. Trotzdem ist es wichtig, den grundlegenden Unterschied zu verstehen und diesen niemals zu vergessen, wenn man früh morgens mit fettigen Haaren in der Jogginghose beim Frühstück in der vollgestellten, umfotogenen Küche sitzt und sich fragt, wieso das eigene Leben eigentlich nicht so perfekt ist, wie das der anderen.

Denkt in solchen Momenten immer daran: Es kommt lediglich auf den Bildausschnitt an.

Bilder im Header: @r29style @atelier_hernandez @list.studio @louloudesaison @heyhegia

Comments

  • 14. Juli 2019
    reply
    Yanna

    Super Artikel 👌😍
    Instagram kann einen wirklich verunsichern. Ich bin auch im Oktober mit meinem Freund zusammengezogen und kann ein Lied davon singen 😅
    Finde es gut, dass du beide Seiten beleuchtest!
    Happy sunday ♥️

  • 16. Juli 2019
    reply
    Frieda

    Ach Karo, du schreibst so schön! Finde herrlich 😉 dass ich hier ab und zu reinschnuppern kann und “deineStimme” hören/lesen kann.
    Liebste Grüße!

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