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Frollein Herr

Hyaluronsäure

Erste Fältchen? Müde Haut? Straffheitsverlust?

Für all diese Problemchen scheint es in der Beautywelt eine Universalantwort zu geben: Hyaluronsäure. Bereits seit Jahren steckt dieser Wirkstoff in Cremes, Seren oder Augenpflegeprodukten und wird von der Skincare-Industrie ausnahmslos gefeiert – und das in allen Preissegmenten und für alle Altersstufen. Hyaluronsäure kann alles und ist für jeden geeignet. Aber stimmt das eigentlich?

Als ich im Winter mit meiner Perioralen Dermatitis zu kämpfen hatte und mich auf der Suche nach Linderung durch sämtliche Internetforen und Artikel wühlte, stieß ich immer öfter auf einen Tipp: Lasst die Hyaluronsäure weg. Unter Betroffenen schien der Wunderwirkstoff also eher Feind als Freund und auch meine Hautärztin riet mir eingehend, diesen Wirkstoff erstmal vom Speiseplan meiner Haut zu streichen. Also wurde ich dahingehend hellhörig und fing zum ersten Mal an, an der Wunderwirkung der feuchtigkeitsbindenden Hyaluronsäure zu zweifeln. Seitdem frage ich alle Dermatologen oder Skincare-Experten, die mir über den Weg laufen, nach ihrem persönlichen Standpunkt zur Hyaluronsäure und siehe da: Es gibt tatsächlich ein paar Dinge zu beachten. Aber klären wir erst nochmal kurz die Basics.

Hyaluronsäure: Was kann sie?

Die Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil unseres Bindegewebes und bindet die Feuchtigkeit in der Haut. Genauer gesagt: Nur 1 Gramm Hyaluronsäure bindet bis zu 6 Litern Feuchtigkeit (WTF?!). Diese Superkraft macht sie auch zum Goldesel der Beautyindustrie – denn die aufpolsternde Wirkung der Hyaluronsäure wirkt Falten und Spannkraftverlust entgegen. Dabei ist es wichtig zwischen hoch- und niedermolekularer Hyaluronsäure zu unterscheiden. Das bedeutet: Nur die besonders kleine, also die niedermolekulare Hyaluronsäure, dringt auch tatsächlich in unsere Haut ein und wirkt in den tieferen Hautschichten. Die hochmolekulare Hyaluronsäure hingegen bleibt auf der Hautoberfläche und sorgt für ein angenehm glattes Hautgefühl. Mit zunehmendem Alter aber, verringert sich der Hyaluronsäuregehalt in unserer Haut und um den wieder aufzubauen, wird Hyaluronsäure in der Hautpflege eingesetzt.

So weit, so gut!

Aber was kann man denn nun überhaupt an einem solchen Wunderwirkstoff auszusetzen haben? Schließlich wünschen wir uns doch alle eine pralle und aufgepolsterte Haut. Und das mit 20 genauso wie mit 60. Das lasse ich Euch am besten von den Experten erklären. Wie auch schon bei der Apothekenkosmetik habe ich mich in meinem Expertennetzwerk deshalb mal etwas umgehört und allen Profis dieselben Fragen zur Hyaluronsäure gestellt. Ihre (unterschiedlichen) Antworten kommen jetzt…

Hyaluronsäure: Das sagen die Experten

Wie stehen Sie zur Hyaluronsäure?

“Bei der Verwendung von Cremes und Seren mit Hyaluronsäure kommt es sehr auf das Produkt an. Kurzkettige Hyaluronsäure dringt durch die erste Hautschicht und kann so die Haut aufpolstern, jedoch haben viele Produkte zu großkettige Fragmente und diese trocknen die Haut eher aus, als dass sie diese positiv beeinflussen.“ (Dr. med. Yann Renoulet, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie bei Medical One in Dortmund)

“Hyaluronsäure ist ein Molekül aus Mehrfach-Zuckern (sog. Polysaccharid) und findet sich natürlicherweise in den Zell-Zwischenräumen der mittleren Hautschichten als wichtiger und stabilisierender Baustein. Die Hauptaufgabe von Hyaluronsäure ist die Wasserbindung – sie sorgt also für Feuchtigkeit und ein pralles Aussehen der Haut. Zusätzlich unterstützt sie weitere wichtige Funktionen in der Haut. Wenn im Laufe der Jahre der Hyaluronsäuregehalt in der Haut abnimmt, ist es durchaus sinnvoll durch entsprechende Pflegeprodukte nachzuhelfen.” (Livia Zanardo, Fachärztin für Dermatologie aus Fürth)

“Ich bin ein Befürworter der Hyaluronsäure. Wir verwenden sie ja auch als Füllmaterial für Unterspritzungen und auch in der Hautpflege hat sich die Hyaluronsäure bewährt. Es gibt nämlich nur wenige Stoffe, die wirklich über die Haut aufgenommen werden, die also klein genug sind, um die Hautbarriere zu penetrieren. Im Gegensatz zu anderen Wirkstoffen, liegt die Hyaluronsäure nämlich nicht nur auf der Haut auf und vermittelt so ein gutes Hautgefühl, sondern bewirkt schon nach ca. 30 Minuten eine sichtbare Aufpolstern der Haut.” (Dr. med. Christian Merkel vom Haut- und Laserzentrum an der Oper in München)

Was gilt es bei der Verwendung zu beachten?

“Ganz wichtig ist es, nicht zu viel zu verwenden. Mehr ist nämlich nicht immer mehr. Außerdem sollte die Hyaluronsäure immer noch mit anderen Wirkstoffen kombiniert werden, da sie primär nur für die Feuchtigkeitsversorgung der Haut zuständig ist.” (Dr. Timm Golüke, Facharzt für Dermatologie aus München)

„Wie bereits erwähnt, sollte man auf kurzkettige Hyaluronsäureprodukte achten. Einige Firmen kennzeichnen dies in ihre Produktbeschreibungen. Auf den Verpackungen an sich wird man diese Information eher nicht finden. Also am besten vor dem Kauf auf der Homepage des Herstellers genauer informieren.“ (Dr. med. Yann Renoulet, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie bei Medical One in Dortmund)

Für wen ist sie geeignet und für wen nicht?

“Sie ist für jeden Hauttyp und jedes Alter geeignet.” (Dr. med. Susanne Steinkraus, Dermatologin aus Hamburg)

“Hier kommt es vielmehr auf die Grundlage an, als auf die Hyaluronsäure selbst. Also die Creme, das Gel oder das Serum, die den Wirkstoff in die Haut bringt. Denn häufig sind Hyaluronsäurecremes für die reifere Haut gemacht und dadurch sehr reichhaltig und ölig. Deshalb ist es auch eher weniger die Hyaluronsäure, die Probleme auslösen kann, sondern die Galenik des Trägerprodukts.” (Dr. med. Christian Merkel vom Haut- und Laserzentrum an der Oper in München)

“Die Hyaluronsäure ist für die Hauttypen geeignet, die besonders viel Feuchtigkeit brauchen. Ich habe in meiner Praxis aber noch nie einen Patienten oder Hauttyp erlebt, für den die Hyaluronsäure überhaupt gar nicht geeignet gewesen wäre.” (Dr. Timm Golüke, Facharzt für Dermatologie aus München)

“Wenn der Hauttyp zu Unreinheiten neigt ist von dem Wirkstoff eher abzuraten. Die obere Hautschicht quillt auf und verstopft damit zusätzlich die Poren. Wer trockene oder auch schon faltige Haut hat, profitiert von der Verwendung. Auch starkes Schwitzen beim Sport oder in der Sauna kann einen starken Feuchtigkeitsverlust hervorrufen und die Verwendung von Hyaluronsäure sinnvoll machen.” (Livia Zanardo, Fachärztin für Dermatologie aus Fürth)

Ab wann sollte Hyaluronsäure verwendet werden?

„Es ist schwer ein Alter zu nennen, ab dem man Hyaluronsäure verwenden sollte. Es wirkt vorbeugend und kann somit auch schon im jungen Alter präventiv zur Anwendung kommen.“ (Dr. med. Yann Renoulet, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie bei Medical One in Dortmund)

“In jungen Jahren sind die Hyaluronsäurespeicher prall gefüllt und der Wirkstoff ist in ausreichender Menge vorhanden. Wenn im Laufe der Jahre die vorhandene Menge langsam abnimmt, sollte man damit anfangen. Etwa im Alter zwischen 30 und 35. Natürlich je nach genetischer Hautbeschaffenheit. Ab 50 profitiert fast jede Haut von der Verwendung.” (Livia Zanardo, Fachärztin für Dermatologie aus Fürth)

“Bereits ab 20 würde ich die Verwendung von Hyaluronsäure im Augenbereich empfehlen, da diese Region besonders empfindlich ist und hier die ersten Fältchen entstehen.” (Dr. Timm Golüke, Facharzt für Dermatologie aus München)

Kann man zu viel davon verwenden?

“Vom reinen Wirkstoff eigentlich nicht. Gefährlich ist es aber, wenn man nach dem aufpolsternden Gefühl, das die Produkte bewirken, süchtig wird und das Produkt mehrfach täglich verwendet. Das ist für die Haut einfach zu viel.” (Dr. med. Christian Merkel vom Haut- und Laserzentrum an der Oper in München)

“Da das Gewebe natürlicherweise bestrebt ist ein Gleichgewicht zwischen Säuren und Basen herzustellen, wird meist auch nur die benötigte Menge aufgenommen. Allerdings kann überschüssige Hyaluronsäure dann die Oberfläche aufquellen lassen und dadurch wiederum Probleme verursachen. Zwischen 30 und 35 würde ich daher die Hyaluronsäure 1x täglich auftragen – ab 50 kann es dann gerne bei Bedarf 2x täglich sein.” (Livia Zanardo, Fachärztin für Dermatologie aus Fürth)

„Auch hier kann ich nur sagen, dass das richtige Produkt und die richtige Anwendung ausschlaggebend sind. Zu viel von einer großkettigen Hyaluronsäure und man trocknet die Haut aus, wenn man keine zusätzliche Flüssigkeit durch Sprays etc. zuführt.“ (Dr. med. Yann Renoulet, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie bei Medical One in Dortmund)

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Hyaluronsäure Überpflegungsreaktionen hervorruft?

“Wenn man das Hyaluronsäureprodukt zu oft oder falsch anwendet, kann es zu Überpflegungsreaktionen kommen. Ich empfehle es deshalb nur einmal täglich zu verwenden, am besten morgens, da man in der Nacht ja nichts vom aufpolsternden Effekt hat.” (Dr. med. Christian Merkel vom Haut- und Laserzentrum an der Oper in München)

“Ja, ich sehe viele Patienten mit einer Perioralen Dermatitis, die genau durch ein solches Zu viel entsteht. In diesem Fall sollte man die Pflegeroutine sofort herunterschrauben. Das gilt dann auch für die Hyaluronsäure.” (Dr. Timm Golüke, Facharzt für Dermatologie aus München)

“Reine Hyaluronsäure ist extrem gut verträglich. Insbesondere da Hyaluron ja auch ein körpereigener Stoff ist” (Dr. med. Susanne Steinkraus, Dermatologin aus Hamburg)

“Ja, bei nicht altersgemäßem oder nicht hauttypgerechtem Gebrauch können Überpflegungsreaktionen vorkommen. Bei zu jungen Patienten ist Hyaluronsäure neben der Verwendung von zu fetthaltiger Pflege eine der häufigsten Ursachen von Überpflegungsreaktionen. Im schlimmsten Fall kann es hier zum Auftreten der Perioralen Dermatitis kommen.” (Livia Zanardo, Fachärztin für Dermatologie aus Fürth)

Hyaluronsäure: Mein Fazit

Wie sagt man doch so schön: Frage einen Arzt und du bekommst eine Meinung. Frage zwei und du bekommst drei.

Auch wenn die Erfahrungen der Experten in vielen Punkten recht unterschiedlich sind, sind sie sich in einem Punkt ganz klar einig: Auch bei einem Wirkstoff mit so positivem Effekt auf die Haut, wie der Hyaluronsäure, ist weniger immer noch mehr. Maske, Serum und Creme mit Hyaluronsäure und das mindestens zwei Mal täglich? Könnte (je nach Hauttyp) für Verwirrung sorgen. Deshalb halte ich es für sinnvoll sich auf ein hochwertiges Hyaluronsäureprodukt in der Routine zu konzentrieren und die Haut und deren Reaktion gut zu beobachten. Ich selbst verzichte seit der PoD im Mundbereich komplett auf Hyaluronsäure und werde mich erst langsam wieder herantasten. Im Augenbereich habe ich den Wirkstoff allerdings durchgehend verwendet und auch auf Stirn und Wangen haben Haut und Hyaluronsäure sich ausnahmslos gut vertragen.

Trotzdem gilt auch hier: Nicht nur die Inhaltsstoffe entscheiden darüber, ob wir ein Produkt gut vertragen oder nicht. Auch die Textur, die Trägerstoffe der Hautpflege müssen auf den eigenen Hauttyp abgestimmt sein. Wer also eine ölige Haut hat, die zu Unreinheiten neigt, wird niemals von einer reichhaltigen Hyaluronsäurecreme profitieren (egal was die Werbung verspricht), sondern läuft vielmehr Gefahr, die Haut nachhaltig zu überfordern und zu überpflegen. Deshalb greife auch ich jetzt ausschließlich zu leichteren Gel- oder Fluidtexturen, die meine Mischhaut unterstützen, aber nicht zukleistern.

Deshalb sage ich auch immer wieder: Augen auf beim Beautykauf! Denn Haut ist nicht gleich Haut und statt auf die Werbung zu vertrauen, sollten wir wieder lernen, unserer Haut gut zuzuhören. Dann profitieren wir auch alle von den Superkräften der Hyaluronsäure.

Comments

  • 25. Juni 2019
    reply

    Danke für den Artikel. Ich kenne eine Person die Hautpflegeprodukte mit Hyaluronsäure nicht gut verträgt. Das würde uns ein Thema zum Nachdenken.

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