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Frollein Herr

Langeweile ist der Motor der Kreativität

Langeweile – na wer kennt sie noch?

Diese Nachmittage, Wochenenden oder ganze Ferien in unserer Kindheit, die wir aus unterschiedlichsten Gründen nicht aktiv nutzen konnten und trotzdem irgendwie zu füllen wussten. Wenn Wetter, Krankheit oder die Eltern dem eigentlichen “Plan” (hatte man als Kind eigentlich einen Plan?) mal wieder einen Strich durch die Rechnung machten, blieb uns nichts anderes übrig, als rumzusitzen, aus dem Fenster zu starren oder die Fliegen an der Wand zu zählen. Was also haben wir als Kinder getan? Richtig – wir haben gespielt.

Wir haben Geschichten erfunden, Raumschiffe oder Schlösser aus Legosteinen gebaut oder jedem einzelnen Kuscheltier auf unserem Bett einen passenden Namen gegeben.

Aus Langeweile entsteht Kreativität, das ist wissenschaftlich bewiesen. Unser Gehirn braucht diese vermeintliche Leere dringend, um sich zu ordnen, sich selbst zu korrigieren und den eigenen gedanklichen Kompass neu auszurichten. Was wir als Kinder noch schlicht und einfach ertragen mussten, können wir heute dank modernster und ausgeklügelter Ablenkungsmöglichkeiten im Keim unterdrücken – und bringen unser Hirn so um einen klärenden Prozess, den es so dringend braucht.

Klar, als Kind hatten wir kein Handy, das Internet war (wenn überhaupt) langsam und soziale Medien existierten nicht. Da war es irgendwie auch leichter sich zu langweilen.

Exakt! Zum einen waren wir nicht selbstständig und unabhängig genug, um unseren Tag selbst zu gestalten und zum anderen gab es Netflix, Instagram & Co noch nicht. Deshalb sprechen wir auch heute statt von Langeweile, von “Micro-Boredom”, also der modernen kleinen Schwester der Langeweile unserer Kindheit. Statt um Nachmittage oder Wochenenden, geht es heute um Sekunden. Das Warten in der Schlange an der Kasse, die Busfahrt zur Arbeit oder die 5-Minuten, die das Teewasser zum Kochen braucht. Selbst diese eigentlich nichtigen Zeitspannen wissen wir heute zu überbrücken, zu füllen, mehr oder weniger produktiv zu nutzen – und nehmen unseren kreativen Gedanken so viel zu oft den Raum zur Entfaltung.

Als ich neulich nach einem Tag voller Pressetermin mit gefühlten 18 Goodie-Bags an einem und und dem Wocheneinkauf am anderen Arm in die Bahn stieg und auch nach mehreren Versuchen vor lauter Papiertüten-Jonglieren nicht an mein Handy kam, musste ich mich wohl oder übel damit abfinden die drei Stationen mit mir selbst zu verbringen. Erst da fiel mir auf, wie still es in meinem Wagon war. Keiner sprach, alle Fahrgäste schienen alleine unterwegs zu sein und starrten ausnahmslos ALLE in ihr Handy. Ein Vater hielt seinem Kind sogar das iPhone mit einer Kindersendung vor die Nase, nur um es zu beschäftigen. Ich aber, zwangsweise zur Handypause verdonnert, nahm dieses absurde Bild, das sich mir sicherlich nicht zum ersten Mal bot, in diesem Moment zum ersten Mal bewusst wahr und kam nicht umhin mir selbst einzugestehen, wie unerträglich das Nichtstun plötzlich schien.

Als Kind war ich großartig darin mich selbst zu beschäftigen – habe gebastelt, genäht oder mich anderweitig kreativ ausgelebt.

Und auch während meiner Festanstellung, in der Wochenenden noch Wochenenden waren, konnte ich Langeweile ganz wunderbar ertragen. Heute aber, in der Selbstständigkeit und als Teil der Instagram-Bubble, ertrage ich es nicht mehr, vermeintlich unproduktiv zu sein. Werbepausen, 3-minütige Fußwege oder das Teekochen dienen als ideale Verschnittzeit, um ein paar To-Do’s von der Liste zu streichen. Unbeantwortete E-Mails erledigen, eine kurze Instastory machen oder das doofe Update installieren, an das mich mein Handy seit Tagen erinnert. Voilà, ich war produktiv – und fühle mich besser. Aber tue ich das wirklich?

Immer öfter bemerke ich in letzter Zeit nämlich, wie abrupt ich meine eigenen Denkvorgänge beende, von der einen Sache zur anderen springe und versuche fünf Dinge gleichzeitig zu machen (Multi-Tasking ist uns Digital Natives schließlich angeboren, oder nicht?). Nachdem ich also während des Frühstücks Instagram und Mails gecheckt habe, beim Zähneputzen meinen neusten Artikel online gestellt und beim ersten Kaffee alle Termine des Tages gegengecheckt habe und mich voller Motivation an den PC setze um einen neuen Artikel zu beginnen, herrscht da plötzlich immer öfter gähnende Leere in meinem Kopf.

Mir fällt verdammt nochmal nichts ein!

Wie beginne ich den Text? Was wäre ein guter Titel? Und wieso wollte ich eigentlich nochmal darüber schreiben? Nach 15 Monaten Frollein Herr habe ich derzeit zum ersten Mal in meinem Leben immer wieder eine Schreibblockade. Der Alptraum eines jeden Schreiberlings. Das Unterbewusstsein platzt vor Ideen, aber es kommt doch irgendwie nichts raus. Und wisst Ihr wer Schuld ist? Genau! Die Langeweile, beziehungsweise das Fehlen der Langeweile.

Denn die letzten Wochen waren derart vollgepackt mit Terminen, Projekten und To-Do’s, dass ich selbst an den Wochenenden nicht so wirklich runterkommen und mein Hirn mal ausschalten konnte. Ich brauche Langeweile also nicht nur persönlich, sondern beruflich (schließlich lebe ich von meinen Ideen) und will deshalb unbedingt daran arbeiten, sie besser zu ertragen – nein, sie regelrecht herbeizuführen.

Kreativität in einem kreativen Job zu finden sollte ja nicht so schwer sein, oder?

Das Gegenteil ist der Fall: Nach einiger Recherche bin ich nämlich auf Studien gestoßen, die belegen, dass es gerade monotone und eintönige Arbeiten sind, die die Kreativität fördern. Wenn unser Hirn nämlich nicht aktiv beansprucht wird, schaltet sich unser Unterbewusstsein dazu und treibt neue Gedanken voran. Die Tipps aus dem Netz reichten von Wäscheaufhängen bis Buchstaben auf einer Buchseite zählen und schwups, soll man man vor lauter Langeweile mit Kreativität belohnt werden.

Ihr könnt Euch also sicher sein, dass ich diese Methoden allesamt testen werde. Viel wichtiger ist aber, dass ich erkannt habe, dass ich meinen Anspruch an mich selbst, konstant produktiv zu sein, nicht über die Bedürfnisse meines Hirns stellen darf. I mean – es ist schließlich mein Hirn und ist für alles verantwortlich was mir den lieben langen Tag so einfällt. Deshalb habe ich mir fest vorgenommen die natürlichen Ruhepausen des Alltags bewusster wahrzunehmen, anzunehmen und auszukosten.

Das Handy mal in der Tasche zu lassen, eine ganze Werbepause stoisch sitzen zu bleiben, statt 15 Mini-To-Do’s zu erledigen und mich einfach mal an den Gedanken zu gewöhnen, dass es am Tag auch mal ein paar Minuten geben muss, in denen ich nicht produktiv bin. Ob das wohl klappt?

I’ll keep you posted!

Comments

  • 16. Juni 2019
    reply
    Barbara

    Kann ich voll und ganz unterschreiben! Dein Post regt an, das Thema selbst noch weiter zu vertiefen. Wenn mir mal Langweilig ist… 🍀 GLG, Barbara

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