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Frollein Herr

Verdammt war ich stolz!

Da hatte ich nach meiner Diagnose Insulinresistenz und der daran orientierten Ernährungsumstellung in kurzer Zeit knapp 10 Kilo abgenommen (die ich mir vorher in nur einem Jahr angefuttert hatte), fühlte mich endlich wieder wie ich selbst und schaffte es, diesen Zustand mehr oder weniger erfolgreich über fast zwei Jahre zu halten, da schlägt die Realität – unberechenbar wie sie ist – zu. Corona hat unser aller bis dahin “normales Leben”, unseren Alltag, in eigentlich all seinen Facetten mal eben binnen weniger Wochen komplett durcheinander gewirbelt. Statt Büro gab es Home-Office, statt Stadtbummel geschlossene Geschäfte und statt Sozialleben Einsiedlertum.

In meinem Fall kam dann aber noch ein weiteres statt hinzu: Statt Disziplin gab es ernährungstechnisch nämlich das komplette Ausrasten.

Angst, soziale und finanzielle Unsicherheit und die unendliche Langeweile, die der neue, gefühlt immer gleiche Alltag in den eigenen vier Wänden so mit sich brachte, haben all meine guten Vorsätze, meine hart erarbeitete Ernährungsroutine und meine Disziplin sowas von mir nichts dir nichts über Bord springen lassen, so schnell kann man gar nicht Lieferando sagen. Fiel es mir in meinem vorher geregelten Alltag noch verhältnismäßig leicht (mal mehr, mal weniger natürlich), mich an die Grundpfeiler der neuen Ernährung zu halten (z.B. nur alle 5 Stunden essen und abends auf Kohlenhydrate verzichten), so schien jeglicher Plan unter den neuen Umständen unhaltbar. Wenn jeder Tag dem anderen gleicht, wo lassen sich dann die Glücksmomente finden?

Anfangs überwog noch das Belohnungsdenken à la “Ist ja auch gerade alles echt schwierig, da gönnst du dir heute mal was!”, aber aus der einen oder anderen Ausnahme der Regel wurde ganz schnell eine neue Normalität. Aus dem Pizza-Freitag wurde immer öfter ein zusätzlicher Pizza-Mittwoch, -Donnerstag, -Montag oder ein ganzes Wochenende, dahin war mein “Wasser mit Zitronensaft ist ein toller Ersatz für Sprite”-Plan und die eigentlich komplett verbannten Haribo-Produkte zogen auch wieder bei mir ein. Schließlich war der Abend auf der Couch mit meinem Freund mein absolutes Tageshighlight. Und das musste ja irgendwie gefeiert werden.

Und mit einem Stück dunkler Schokolade kann man bekanntlich keine Party feiern – deshalb mussten Kaugummistangen, Gummibärchen oder Chips her!

Nein, mal im Ernst: Es ging schlichtweg um ein wenig Glück im so zähen, neuen Alltag. Und das kommt bekanntlich gerne in Form von schnell verfügbaren Kohlenhydraten. Das Problem in meinen Fall ist nur: Wenn ich abends Kohlenhydrate esse, schießt mein Blutzucker so dermaßen in die Höhe, dass mein Körper über Nacht kein Fett mehr verbrennen kann und der gesamte Stoffwechsel blockiert wird. Also setzen Kaugummistangen & Co. besonders gut an. Die ersten zwei Kilos haben mich ehrlicherweise gar nicht so gestört. Schließlich trug ich wochenlang sowieso nichts anderes als Jogginghosen (und die kneifen ja bekanntlich nicht) und die Medien hatten dem ganzen Phänomen auch schon den wohlklingenden Namen Corona-Kilos verpasst, sodass ich mich in guter Gesellschaft sah.

Aber nach vier Monaten Ausnahmezustand bin ich gewichtstechnisch inzwischen fast wieder da angekommen, wo ich vor über zwei Jahren, noch vor der Diagnose Insulinresistenz, gestartet bin. Und damit fühle ich mich nur nicht wohl, sondern ich weiß auch, dass ich meinem Körper damit wirklich schade.

An dieser Stelle möchte ich, wie bei all meinen bisherigen Artikeln zum Thema Ernährung, ganz ausdrücklich betonen, dass es hier nicht um das Erfüllen irgendwelcher Schönheitsideale geht oder dass ich es nicht ausdrücklich unterstütze, sich in seinem Körper, egal in welcher Größe, bedingungslos wohl zu fühlen. Jeder kann und soll so leben, wie er das möchte und auch für mich wären ein paar Kilos mehr, im Gegenzug zu ganz viel Genuss und Freiheit, eine durchaus vertretbare Konsequenz, wenn da nicht der Gesundheitsfaktor (zukünftige Diabetes) und das tatsächliche Unwohlsein (der verschluckte Medizinball im Bauch) mitspielen würden.

Ich habe mich über die letzten zwei Jahre bereits daran gewöhnt, dass in meinem Kleiderschrank Klamotten von Größe S bis L hängen, die sich meinem immer wieder schwankenden Gewicht anpassen, aber derzeit knabbere ich trotzdem stark daran, wieder derart weit zurückgeworfen zu sein. Schließlich war ich so weit gekommen! Ich weiß zwar ganz genau, wie ich die Kilos wieder los werde, schließlich muss ich mich einfach nur an ein paar wichtige Eckpunkte halten, aber dafür braucht es Motivation. Und die haben ich gerade nicht. Während gefühlt alle Insta-Girls tolle Home-Fitness-Routinen in den sozialen Medien teilen, drehen sich meine Gedanken nur darum, wann es wieder was wirklich Leckeres zu essen gibt. Weil mir das Sicherheit gibt, ein kurzes, wenn auch bitter nötiges High eben.

Zucker ist ein Suchtmittel. Und ich bin der Junkie.

Das habe ich in den letzten Jahren am eigenen Leib erlebt. Ich habe Gelüste unterdrückt, versucht mir Ersatzbefriedigungen zu verschaffen und gelernt liebevoll, aber bestimmt mit dieser Sucht umzugehen. Corona aber war erbarmungslos. Alles war neu, ungewohnt, beängstigend. Und so habe ich eben diese so nötige Sicherheit da gesucht, wo ich sie unter all den neuen Umständen leicht finden konnte: Im Essen. Jetzt, wo das Leben zumindest augenscheinlich in kleinen Schritten wieder Richtung Normalität geht, weiß ich, dass ich auch meine Ernährung raus aus dem Coronaloch hieven und mich mal wieder auf Spur bringen sollte. Aber, und das ist meine ganz persönliche Sicht, so viel auch gelockert wird und so easy peasy die derzeitige Situation bei sommerlichen Temperaturen auch zu sein scheint, ich traue dem Braten so ganz und gar nicht. Ich fühle mich nach wie vor sehr unsicher, tue mich sehr schwer damit, die neu erlernten Gedanken der Vorsicht unter Menschen abzustellen und bin beruflich noch weit weit weg von einem normalen Alltag. Es finden keine Reisen und keine Termine statt, mein sonst so abwechslungsreicher Job findet jetzt tagein tagaus in meinem kleinen Office statt und wie oder wann sich das in Zukunft ändern wird, ist völlig unklar.

Rational komme ich damit gut klar. Ich unterstütze die Hygiene-Maßnahmen, habe kein Problem mit dem Maske Tragen und da ich gut mit wenigen Sozialkontakten auskomme, trifft mich die Kontaktreduktion wenig. Aber die Unsicherheit bleibt. Das komische Gefühl, dass sich das Blatt ganz schnell wieder wenden kann, dass man selbst oder eine geliebte Person krank wird. All das steckt jeder von uns ganz anders weg. Und ich muss eben zugeben, dass mich das sehr belastet und mein Motivationslevel dementsprechend niedrig ist.

Und wenn dann, zwischen all den Fragezeichen, in einer kleinen Tüte Chips eine ganz große Portion Glückshormone versteckt sind, fällt es mir wirklich sagenhaft schwer Nein zu sagen.

Auch wenn ich weiß, dass das Zucker-High vorbei geht. Auch wenn ich weiß, dass mein Körper kämpfen muss. Auch wenn ich weiß, dass es mir ohne Medizinball im Bauch besser geht. 2020 ist ohne Frage eine echte Herausforderung. Für die Politik, die Gesellschaft, uns als Menschen. Aber da hängt natürlich ein ganzer Rattenschwanz dran. Üblicherweise beende ich meine Texte gerne mit einem moralischen Fazit, einem Ausblick, der motiviert. Mich und auch diejenigen von euch, denen es vielleicht ähnlich geht. Dieser Schluss bleibt heute allerdings aus. Einfach weil 2020 bisher so dermaßen unberechenbar war, dass ich gar nicht weiß wo es hin geht. Ich nehme mir selbstverständlich vor, gefühlstechnisch und auch in Sachen Ernährung wieder in meine Spur zu finden, aber darauf wetten möchte ich persönlich nicht.

Bleiben wir 2020 gegenüber also lieber vorsichtig optimistisch, so flexibel wie nur möglich und uns selbst gegenüber ehrlich – und bunkern vielleicht die ein oder andere Kaugummistange im Küchenschrank. Man kann ja nie wissen, wann wir die Glückshormone mal wieder bitter nötig haben…

Comments

  • 12. Juli 2020
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    Esther

    Ich danke Dir für diesen Artikel und kann es zu 100% nachempfinden. Ich hatte noch nie so viel gebacken und gekocht wie in den letzten Monaten. Das wat mein Highlight und geschmeckt hat es auch ziemlich gut zu jeder Tages- oder auch Nachtzeit. Täglich sagt mir mein Spiegelbild, das geht so nicht weiter… und der Entschluss die Ernährung umzustellen ist da…dann beginne ich damit und ganz schnell verfalle ich in alte Muster, “ach egal, was soll’s, hab ja sonst nicht viel Freude..”.
    Morgen will ich erneut starten, die für mich wirklich lästigen Pfunde, loszuwerden. Ich will es schaffen und ich weiß auch, dass ich es kann.
    Es wird verdammt schwer werden, aber ich muss es schaffen. Auch Dein Artikel bekräftigt mich. Nochmals danke und alles Liebe Dir. Esther

  • 12. Juli 2020
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    K

    Ich habe auch während C19 zugelegt. Soda hier, Schokolade da, Chips gerne und so weiter. Ich bin von 50/51 auf 54 kg.
    Und i h hätte es vielleicht nicht mal so sehr bemerkt, wenn nicht meine Hosen kaum noch zugehen würden.
    Ich muss jetzt glaube ich mal 2 Safttage (grüner Saft ) einlegen.
    Ich finde die Ernährung interessant, die dir empfohlen wurde. Möchtest du vielleicht mehr darüber teilen?
    Jedenfalls bin auch ich dankbar, dass ich nicht alleine damit bin. Danke für deinen Artikel. Es hat Spaß gemacht zu lesen 😘.

  • 14. Juli 2020
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    K

    Danke. Das sehe ich mir an 🧡

  • 12. Oktober 2020
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    Linda

    Liebe Karoline,
    Ganz unabhängig des Gewichtthemas, beruhigt es mich sehr zu lesen, dass auch du stark verunsichert bist und Sorgen hast selbst krank zu werden oder geliebte Menschen erkranken zu sehen. Ich komme mir manchmal vor, als sei ich eine der ganz wenigen Menschen, denen Covid-19 Furcht einflößt. In meinem familiären Umfeld und Bekanntenkreis wird beruflich wie wild hin- und hergeflogen, Kurse besucht und Geburtstagen beigewohnt.
    Lieben Dank für deinen Text!
    Linda

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