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Frollein Herr

Sonntagskolumne: Vom Zusammenziehen und der rosa Couch

Mein Freund und ich wohnen noch nicht zusammen.

Auch wenn wir es seit über einem Jahr planen, haben wir es noch nicht hinbekommen. Das ist zum einen der unmöglichen Lage des Münchner Wohnungsmarktes geschuldet und zum anderen unserer jobbedingten Unfähigkeit uns zeitlich so richtig dahinter zu klemmen.

Das heißt wir “besuchen” uns noch. Auch nach über zwei Jahren packen wir Übernachtungstaschen und planen die Abende beim anderen ein. Gut, wenn ich ganz ehrlich bin, ist er derjenige der die Taschen packt. Ich habe die größere Wohnung und die zentralere Lage. Eigentlich ist er also jeden Abend bei mir und es fühlt sich bereits ein wenig nach zusammenleben an. Nicht so richtig richtig, aber irgendwie schon. Und genau dieses Zusammenleben auf Probe gibt uns immer wieder einen Vorgeschmack darauf, wie es sein könnte – wenn wir denn irgendwann mal eine geeignete Wohnung finden.

Da sind zum einen die positiven Seiten: Die gemeinsame Zeit, die Nähe und das Ende des ständigen Planens (“Du, ich habe heute Abend noch einen Termin. Willst du danach noch zu mir kommen oder lieber bei dir bleiben?”). Ich kann Euch gar nicht sagen wie sehr ich mich darauf freue endlich nicht mehr jeden Schritt voraus sehen zu müssen, sondern einfach nach Hause zu gehen und jemand ist da.

Aber – es gibt natürlich auch negative Seiten.

Oder realistische, wie ich sie lieber nennen möchte. Und um die soll es heute gehen. Als wir nämlich vor über einem Jahr beschlossen uns auf Wohnungssuche zu begeben, zeigten sich nach der anfänglichen Euphorie auch unsere wahren Gesichter. Mein Freund stand der ganzen Sache eher entspannt und objektiv gegenüber. Für ihn spielten Lage, Preis, Ausstattung und andere praktische Dinge eine Rolle. Ich hingegen war emotional, übereifrig und ungeduldig. So hatte ich innerhalb von einer Woche bereits fünf Pinterest-Bords erstellt, die unsere gemeinsame Wohnung bis ins letzte Detail visualisieren sollten. Die Vase von Seletti kommt auf den Esstisch, die Wandfarbe mit der Nummer sounsdo ins Schlafzimmer und im Flur hätte ich gerne dieses Regal von made.com. Ich verarsche Euch nicht, wenn ich sage, dass ich tatsächlich bereits Möbel und Deko eingekauft habe, ohne auch nur den Hauch einer Wohnung in Sicht.

Ich verarsche Euch nicht, wenn ich sage, dass ich tatsächlich bereits Möbel und Deko eingekauft habe, ohne auch nur den Hauch einer Wohnung in Sicht.

So füllte sich meine kleine Wohnung nach und nach mit immer mehr mit Spiegeln, Kissen und Poufs (alles natürlich unter dem Vorwand gekauft, dass ich ja eine neue Wohnung einzurichten hätte). Bis der Tag kam, an dem mein Freund ein Machtwort sprach: “Karo, dir ist schon klar, dass ich da auch leben werde?” Bäm! Nee, um ehrlich zu sein hatte ich daran keine großen Gedanken verschwendet. Klar, würde das unsere gemeinsame Wohnung werden, aber ich würde sie einrichten, wie es mir gefällt. Oder etwa nicht?

Dazu muss ich sagen: Wenn es um Ästhetik und Design geht, kann ich ein ziemliches Rumpelstilzchen sein. Gefällt mir was, muss ich es haben. Gefällt es mir nicht, darf es unter keinen Umständen in meine vier Wände. So bin ich auch wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass aus der Wohnung meines Freundes nichts in die neue Wohnung mitgenommen wird (I mean…). Gut, er will auch zum Glück gar nicht viel mitnehmen, aber die Situation gipfelte dann erst so richtig in der Sache mit der rosa Samtcouch, von der ich Euch hier bereits erzählt habe. Ich hatte Monate lang (ach was sage ich – mein Leben lang) davon geträumt mir dieses Interior-Piece zuzulegen und dabei nicht einen Gedanken daran verschwendet, dass es da ja jetzt noch eine weitere Person gibt, deren Stimmrecht ebenso viel Gewicht hat, wie meines. Das Veto meines Freundes zur rosa Samtcouch holte mich also ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück.

Das Veto meines Freundes zur rosa Samtcouch holte mich also ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück.

Und wieso erzähle ich Euch das alles? Weil diese Erkenntnis ein ganz ausschlaggebender Punkt in unserer Beziehung war und der wahrscheinlich realistischste Moment, den wir bisher hatten. Den anderen zu lieben solange man sich immer einig ist, ist eine Sache. Aber Verzicht üben, seine eigenen Wünsche auch mal hinten anstellen, die andere Meinung und den Standpunkt zu akzeptieren – das ist das, was eine Beziehung wirklich ausmacht. Und das schmeckte mir im ersten Moment natürlich gar nicht, wenn wir schon mal ganz ehrlich sind.

Ich liebe Design, Ästhetik und alles, was das Leben schöner macht. Ach, was sage ich – ich liebe es nicht nur, ich lebe es. Mein Freund allerdings nicht. Klar hat auch er gerne ein schönes Zuhause, aber ihm sind einfach andere Dinge wichtiger als die 30. Vase vom Flohmarkt. Das mag für mich manchmal unverständlich sein (und ich für ihn natürlich auch), aber wenn wir wirklich zusammenziehen wollen, müssen wir lernen, die Wünsche des anderen zu respektieren. Und zwar so richtig. Da gibt es dann vielleicht mal einen Schrank, der meinen ästhetischen Ansprüchen nicht ganz genügt, aber unheimlich praktisch ist. Oder eine Kiste voller Technikzeug, von der sich mein Freund aber eben nicht trennen kann. Als ich gestern mit einer neuen Handtasche zuhause ankam, fragte mich mein Freund: “Was machen wir eigentlich, wenn die neue Wohnung nicht genug Platz für all deine Handtaschen hat?” Meine Antwort: “Dann suchen wir uns eine neue Wohnung.” Ich denke Ihr merkt schon worauf ich hinaus will. In manchen Dingen bin ich einfach nicht sonderlich realistisch oder gar vernünftig eingestellt. Und damit muss mein Freund wohl oder übel leben. Aber auch ich muss meinen Teil dazu beitragen, dass das Zusammenleben funktioniert – und ab und zu eben mal den Kürzeren ziehen. Schmeckt nicht, ist aber so. Get over it!

Schmeckt nicht, ist aber so. Get over it!

Rückblickend bin ich ganz froh, dass meine Kündigung, die Selbstständigkeit und der daraus resultierende Zeitmangel uns ein wenig mehr Zeit verschafft hat, die Sache mit der Wohnung zu planen und sacken zu lassen. Ich war so lange Single und habe noch nie vorher mit jemandem zusammengewohnt, dass mich die Erkenntnis, dass ich mein Leben (und auch die Einrichtung) jetzt mit jemandem teilen würde, wirklich hart traf. Versteht mich nicht falsch, ich liebe meinen Freund über alles, aber ich habe ein ziemliches Ego und eine machmal unbeugsame Überzeugung von Dingen. Und ja – die wurde in meinem bisherigen Leben eben nicht wirklich in Frage gestellt. Ist man alleine, kann man machen was man will. Sich rosa Sofas zulegen, eine Taschensammlung, die drei Räume einnimmt und fünf Monate nicht die Wohnung putzen. Alles möglich. Teilt man sein Zuhause allerdings mit jemandem, muss man Rücksicht nehmen und auch mal verzichten. Beziehungen sind eben einfach nicht immer Romantik pur und blindes Verstehen – sondern manchmal auch schlicht und einfach eine ganze Reihe von Kompromissen, Erkenntnissen über sich selbst und den jeweiligen Learnings daraus. Vielleicht gibt es für mich dann eben keine rosa Samtcouch – aber meine Taschensammlung bleibt!

Vielleicht gibt es für mich dann eben keine rosa Samtcouch – aber meine Taschensammlung bleibt!

P.S.: Die hübsche Couch oben gibt es übrigens hier! (Vorsicht, Affiliate Link)

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