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Frollein Herr

Vom Influencer-Dasein und der Sache mit den 100k

Influencer. Ich mag das Wort nicht sonderlich gerne. Irgendwie muss ich dabei immer an die Influenza denken – und das ist ja nun wirklich nichts Gutes.

Schon drei Monate bin ich inzwischen selbstständig. Als Bloggerin und eben auch als Influencerin. Dabei gilt man eigentlich erst als Influencer, wenn man mindestens 100.000 Follower auf Instagram hat. Hat zumindest irgendjemand mal so definiert und Wikipedia hats übernommen – also muss es ja stimmen, oder? Darunter ist man dann ein sogenannter Mikro-Influencer. Wenn das so ist, dann bin ich mit meinen 15k wohl ein Nano-Influencer, oder wie habe ich das zu verstehen?

Fällt das Wort Influencer, denken alle automatisch an riesige Reichweite, Urlaub for free im 5 Sterne Resorts und Mädchen, die anstatt sich ordentlich zu unterhalten, immer mit Handy dem vor der Nase anzutreffen sind. Sorry to burst your Bubble, aber die Influncer, Blogger (wie auch immer wir das jetzt nennen wollen), die ich kenne, sind hart arbeitende Girls, die nach Themenplänen und Strukturen arbeiten, häufig mehr als 10-Stunden-Tage schieben und vor jedem Termin oder jeder Reise abwägen müssen, ob sie für die Tage, an denen sie unterwegs sind, genug Content vorproduzieren können. Und ja, am Ende der vielen Arbeit kommen dann vielleicht nicht die 100k raus, sondern nur 50k, 30k oder wie in meinem Fall 15k. Denn die Sache mit dem Wachstum auf Instagram ist ziemlich verzwickt, wie Ihr bereits wisst (mehr dazu hier). Trotzdem machen diese Girls einen guten Job, influencen was das Zeug hält und können davon ihre Miete zahlen. Im besten Fall zumindest.

Trotzdem machen diese Girls einen guten Job, influencen was das Zeug hält und können davon ihre Miete zahlen. Im besten Fall zumindest.

Es ist immer wieder überraschend für mich, wie gespalten die Branche ist. Einerseits treffe ich Menschen und Marken, die das was ich mache schätzen, gerne mit mir zusammen arbeiten wollen und mich dafür auch entlohnen. Andererseits gibt es immer wieder Brands, die jemanden in meiner Größenordnung gar nicht wahrnehmen und auch so behandeln. Es landen aber auch Tag für Tag Anfragen in meinem Email-Postfach, in denen mir Marken gerne einen veganen Joghurt, eine Jogginghose oder weiß der Geier was zusenden möchten – natürlich versehen mit der Aufforderung, das erhaltene Produkt dann auf meinem Instagramkanal zu zeigen. Schaue ich mir die Marke und das besagte Produkt dann genauer an, muss ich mich leider viel zu oft fragen, ob die Person, die mich da angeschrieben hat, sich mein Profil, meinen Blog oder mich als Person überhaupt angesehen hat. Marken-Fit? Fehlanzeige. Und selbst wenn das Produkt dann mal zu mir passt, kann ich einfach beim besten Willen nicht alles umsonst in meinem Feed posten.

Und selbst wenn das Produkt dann mal zu mir passt, kann ich einfach beim besten Willen nicht alles umsonst in meinem Feed posten.

Nicht nur, weil ich dann irgendwann auf der Straße sitze (natürlich inmitten all meiner schönen Presse-Giftings), sondern weil mein Feed aussehen würde wie ein Katalog und ich meinen Job nicht als solchen begreife. Ich bin keine leere Werbetafel, an die jeder for free sein Produkt hängen kann, nur weil Influencer-Marketing gerade der neuste Shit ist. Hätte ich allerdings besagte 100k (ok, auch schon weniger als das), wäre Marken von vornherein klar, dass da ohne Budget nichts läuft. Denn das lernen die Marketingleute in ihren Schulungen: Influencer ist man erst ab 100k.

Natürlich war mein Schritt, meine Redakteursstelle zu kündigen und mich mit einem Blog selbstständig zu machen, mutig. Vielleicht sogar ein bisschen waghalsig. Bis man damit so viel Geld verdient, dass man sich keine Sorgen mehr um Miete & Co. machen muss, vergeht nicht nur einige Zeit, sondern auch jede Menge Content, Schweiß und Zweifel. Das heißt aber nicht, dass ich bis dahin alles in die Kamera halte, was in meiner Post landet. Ich persönlich verstehe mich immer noch als Redakteurin. Auch wenn ich jetzt blogge oder gar influence – ich mache im Prinzip das selbe, was ich die letzten fünf Jahre getan habe. Ich denke mir Themen aus, recherchiere, suche Produkte, führe Experteninterviews und schreibe meine Texte. Und die sind von genau derselben Qualität, wie die, die ich für ELLE oder Harper’s Bazaar geschrieben habe. In meinen Augen sogar noch ein Stückchen besser. Nur dass jetzt eben Frollein Herr drauf steht und ich bei weitem nicht so viele Leute erreiche.

In meinen Augen sogar noch ein Stückchen besser. Nur dass jetzt eben Frollein Herr drauf steht und ich bei weitem nicht so viele Leute erreiche.

Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ich denn eigentlich wirklich so viele Leute erreichen muss oder überhaupt will. Ich war vergangene Woche zu Gast bei den About You Awards. Einer Veranstaltung, bei der die größten Social Media Stars Deutschlands in den Kategorien Fashion, Beauty, Lifestyle, YouTube, Fitness, Musik und Upcoming ausgezeichnet wurden. Als dann die Nominierten der Kategorie Upcoming, also die Newcomer und Geheimtips des Businesses, auf die Bühne kamen und selbst die an die 100k hatten – saß ich nur im Publikum und dachte mir “Was zur Hölle machst du hier eigentlich?”. Als dann die Aftershowparty los ging und damit eine mega Sause, habe ich mich still und heimlich nach Hause verzogen. Es war schließlich Donnerstag und der nächste Tag ein ganz normaler Arbeitstag für mich. Da ist Feiern bis in die Puppen leider nicht drin – auch wenn ich damit dem Klischee des Influencers vielleicht so gar nicht entsprochen habe.

Da ist Feiern bis in die Puppen leider nicht drin – auch wenn ich damit dem Klischee des Influencers vielleicht so gar nicht entsprochen habe.

Jetzt mal ganz ehrlich: Kauft Ihr jedes Stück nach, was Caro Daur & Co. in einem Nakd-Haul in die Kamera halten? Oder rennt Ihr gleich zum nächsten Rewe, weil Blogger XY die neuen kalorienreduzierten Gemüse-Chips isst? Ich glaube nicht. Denn auch Ihr Konsumenten seid inzwischen sehr viel informierter und könnt sehr wohl erkennen, was Influencer nur fürs Geld machen, oder wofür das Herz wirklich schlägt. Natürlich ist die Reichweite Gold wert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber auch in kleineren, feinen Kooperationen steckt so viel Mehrwert für Blogger, Marke und Leserschaft. Zum Glück gibt es auch viele Marken, die das bereits verstanden haben und die mich genauso behandeln, wie sie es getan haben, als ich noch Redakteurin war. Ich wünsche mir aber trotzdem, dass das Verständnis von dem, was Leute wie ich eigentlich tun, noch differenzierter betrachtet würde. Dass man nicht alle über einen Kamm schert und erkennt, wo bei jedem einzelnen die Stärken liegen.

Ich wünsche mir aber trotzdem, dass das Verständnis von dem, was Leute wie ich eigentlich tun, noch differenzierter betrachtet würde. Dass man nicht alle über einen Kamm schert und erkennt, wo bei jedem einzelnen die Stärken liegen.

Der eine schafft es eben hervorragend, Leute mit seiner Persönlichkeit zu begeistern und Tipps zu geben, die von der besten Freundin stammen könnten. Die andere hat einfach wahnsinnige Make-up-Skills drauf, von denen sich so mancher Make-up-Artist noch was abschauen kann. Und dann gibt es Leute wie mich, die vielleicht nicht halb Deutschland mit ihrem Content erreichen, aber Themen und Produkte redaktionell aufbereiten, um diese ihren Lesern und Followern näher zu bringen. Und vielleicht ist genau die Tatsache, dass meine Reichweite nicht so groß ist, meine Stärke. Ich bin wahnsinnig frei in meiner Umsetzung, kann Themen angehen, auf die ich Lust habe, ohne Kunde A oder B damit eventuell zu verärgern. Und ich kenne meine Leser inzwischen recht gut. Ich kann DMs noch selbst beantworten, auf Fragen eingehen und bekomme mit, wer da eigentlich meine Artikel liest. Für mich gibt es nichts Schöneres, als wenn ich Eure Nachrichten lese, in denen Ihr Eure Gedanken zu einem Thema mit mir teilt, über das ich geschrieben habe, Ihr Styles interpretiert, die ich vorgestellt habe oder Ihr mir von diesem oder jenem Produkt berichtet, das Ihr bei mir entdeckt habt. Das nenne ich mal influencen. Mit oder ohne 100k.

Das nenne ich mal influencen. Mit oder ohne 100k.

 

Comments

  • 13. Mai 2018
    reply
  • 14. Mai 2018
    reply

    Liebe Karoline,
    ich finde deinen Blog großartig und liebe deine Artikel,gerade weil einfach zu merken ist,dass du einen redaktionellen Hintergrund hast und deine Texte mit viel Wissen und umfassend geschrieben sind.
    Ich denke,dass du mit so einem Content längerfristig Leser erreichen wirst als nur mit einem Instagram-Account.Instagram finde ich toll um kurz mal ein paar Updates oder Inspirationen zu bekommen aber (Hintergrund-)Inhalt kommt dort viel zu kurz.
    Ich als Leser habe das Gefühl,dass du dich wirklich mit den Produkten auseinandersetzt und dich dafür interessierst und das finde ich viel echter als irgendein vorgestelltes Produkt,dass mal kurz bei Instagram vorgestellt wird.
    Danke dir für deine tolle Arbeit!!!
    Ganz liebe Grüße und bitte bitte weiter so!!

  • 19. Mai 2018
    reply

    Deine Texte sind wirklich immer Top-aktuell und qualitativ hochwertig. Wir sind richtig happy, dass wir dich über Instagram entdeckt haben ❤️ Allerdings lesen wir auch viele deiner Blogposts, denn Instagram ist nicht alles. Und hinter manch einem Influencer mit über 100k steht kein Blog oder einer der alle Monate mal mit einem Blogpost bespielt wird. Mach auf jeden Fall so weiter, wir hoffen das die Selbstständigkeit für dich aufgeht und du weiter hin das machen kannst was du liebst 💋💋 Love Deea&Laura

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